Wolfgang Nieschalk
        "Wer handelt, kann Fehler machen. Wer nicht handelt, hat bereits einen Fehler gemacht."

Der Geist aus der Flasche


Die Innnenstadt von Hannover war wegen einer Großdemonstration gesperrt. Ich parkte mein Auto in der Tiefgarage hinter dem Hauptbahnhof  und transportierte meine Ausrüstung für eine Lesung in einem Hotel auf einer Sackkarre durch den Bahnhof. Einige der Demonstranten von „Fridays for Future“ demonstrierten nicht nur, sie betranken sich auch und lallten ihre Parolen in ein mitgebrachtes Megafon. Dabei stolperte einer unter dem Gejohle anderer über meine Ausrüstung. Während Computer, Projektor und Übertragungsanlage sich auf dem Boden des Hannoverschen Hauptbahnhofes verteilten, verschwand die Gruppe Betrunkener gutgelaunt im Menschengewühl und ich sammelte grimmig meine Technik ein, bevor sie durch fremde Hände "entsorgt" werden konnte.

Gegen Wein, Bier oder Alkohol ganz allgemein habe ich nichts. Und ich kenne und schätze einige Männer und eine ganze Reihe Frauen, die auch dann ihre Haltung nicht verlieren, wenn sie einen Schwips haben. Jene aber, die ihre Grenzen nicht kennen, mag ich nicht und meide sie. Solche Leute merken nicht mehr, wenn sie vom Alkohol enthemmt hingerissen sind vom Zauber ihrer eigenen Persönlichkeit. Sie entbrennen in heißer Liebe zu sich selbst – und halten es für ganz normal, dass jeder ihre Bewunderung für sie teilt. Nur ein paar Gläschen zuviel, und ein sonst unscheinbarer Mensch wird intelligent und tiefschürfend, witzig und unwiderstehlich. Plötzlich kann er erzählen, singen und tanzen und bekommt Gewicht und Format. Er, der bisher so klein war. Nun ist er groß! Klein ist er mir lieber.

Drei Männer – alle erlagen einem Leberleiden - habe ich nicht vergessen. Einer von ihnen warf nachts im Rausch seine Kleinmöbel aus dem Fenster. Das hätte mir egal sein können, wenn er dabei nicht so laut geschrien hätte, dass ich gezwungen war, auch bei sommerlicher Hitze das Schlafzimmerfenster z schließen. Der Zweite tat das Gegenteil. Er schlief bei jeder Feier friedlich ein und es wurde schwierig für den Gastgeber, ihn nach Hause zu bekommen. Der Dritte wurde unerträglich weitschweifig und wehleidig und konnte plötzlich mehr sehen, hören und reden als gewöhnliche Sterbliche. Er verstand es meisterhaft, sein „Opfer“ durch kluge Sprüche zu beeindrucken und dann mit seinen Blicken in einer Ecke festzunageln. Hatte er das geschafft, ließ er nicht locker, bis er sämtliche seiner Sünden gebeichtet hatte. Allerdings hatte jedes seiner Opfer danach viele Monate Ruhe vor ihm, weil er sich schämte und seine Geständnisse bereute.

Einem Betrunkenen fehlt jegliches Zeitgefühl. Haben Sie schon mal versucht, solch einen Zeitgenossen zum Aufbruch zu bewegen? Sie wissen, es ist vergebliche Mühe. Auch ein Gespräch mit einem Zecher zu führen ist unmöglich. Man dringt sprachlich fast nie zu ihm durch. Und wenn doch, fällt er einem ins Wort. Das "Unterbrechen", das "ins Wort fallen" ist der Grund, warum solche Leute im Laufe des Abends immer lauter werden. Ihr gesteigertes Selbstwertgefühl ist die Ursache. Logisch, denn schließlich ist das, was der Eine zu sagen hat so viel bedeutungsvoller als das des anderen. Deshalb lohnt es sich für jeden, immer lauter zu werden und - wenn alle laut sind - sich brüllend Gehör zu verschaffen.

Die Sorte Trinker muss ich auch erwähnen, wenn auch ungern. Die ekligen, mürrischen und unverschämten Trinker und jene Sorte, die anderer Leute Sachen schlecht behandeln, So, wie den Betrunkenen am Hauptbahnhof, dem ich meinen defekten PC zu verdanken habe. Das merkte ich aber erst zuhause. Jedenfalls habe ich genug von alkoholischer Bildersprache, Phantasiesprüngen und jeder Begeisterung, die dem Schnaps entspringt.

Deshalb mag ich Betrunkene nicht. Aber ihnen ist das egal. Schließlich mögen sie sich selbst so sehr, dass es für uns beide reicht.

 

 

 
 
 
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