Wolfgang Nieschalk
        "Wer handelt, kann Fehler machen. Wer nicht handelt, hat bereits einen Fehler gemacht."

Neue Kolumnen

Geheimnisvolle Sonne


Schon früh am Morgen spannte ich im Juni jeden Tag den Sonnenschirm auf und ließ die Jalousien vor den Fenstern herab. Die Kraft der Sonne war enorm - das erlebten wir alle - und beim Versuch, sie nach Möglichkeit "auszusperren", kam mir der Gedanke: "Woher bezieht diese gleißende Kugel ihre Energie?"

Unsere Sonne ist nichts Besonderes, wurde mir schnell klar. Sie ist ein unterdurchschnittlicher "Zwerg" unter tausenden anderen Sternen, die wir am nächtlichen Himmel sehen. Schaut man aber durchs Teleskop, wächst die Schar der fremden Sonnen - der Fixsterne - ins Unermessliche. Aber die Menschen brauchten mehrere tausend Jahre, um diese Zusammenhänge zu begreifen. Denn nichts am Himmel schien unterschiedlicher zu sein, als die glutheiße, blendende Sonne und die kalt funkelnden Sterne der Nacht.

Es ist die geringe Entfernung der Sonne - nur 150 Millionen Kilometer von uns entfernt, das Licht braucht acht Minuten zu uns - die diesen Unterschied ausmacht und der Sonne ihre die für uns bestimmende Bedeutung gibt.

Um überhaupt begreifen zu können, was uns die Sonne seit gut 4,5 Jahrmilliarden "liefert", muss ich einen Vergleich suchen. Sie strahlt etwa mit der Energiemenge, mit der ein elektrischer Heizofen von tausend Watt minütlich, stündlich, täglich und jährlich nur einen einzigen Quadratmater unserer Erde aufheizen würde. Stellen Sie sich ihre Küche von 20 Quadratmetern vor und Sie würden den Raum im Sommer ununterbrochen mit 20 Heizlüftern beheizen! Kein Wunder, wenn wir bei solcher Wärmeflut mit Sonnenschirmen und Freibädern versuchen, gegen diese Zumutung anzukämpfen. Scheint die Energiemenge, die wir von diesem nahen Stern erhalten, auf den ersten Blick auch gewaltig zu sein, so fängt unser Planet doch nur einen verschwindend kleinen Bruchteil der gesamten Sonnenstrahlung auf. Der allergrößte Teil verpufft im All und  erreicht - vielleicht - als winziger, kalt erscheinender Punkt nach einer Reise von Millionen von Jahren das Auge eines Lebewesens, welches in der Kälte der Nacht seines Heimatplaneten darüber nachdenkt, ob auch um diesen flimmernden Punkt in der Unendlichkeit Planeten kreisen.

Wie entsteht diese Energie? Im 19. Jahrhundert stritten sich Astronomen und Geologen, denn keine den damaligen Wissenschaftlern bekannte Energiequelle konnte die Sonne so lange am Brennen halten. Geologen berechneten damals - zu knapp - das Alter der Erde auf 2,5 Milliarden Jahre. So lange brennt kein Kohlenhaufen, und schon nach tausend Jahren bliebe nur Asche übrig. Dann entdeckte man die Radioaktivität, aber auch sie reichte nicht aus, um für die ungeheure Sonnenenergie verantwortlich sein. Nur die Sonne selbst kannte das Geheimnis, gewöhnliche Materie teilweise in Energie von fast unbegrenzter Menge umzuwandeln.

Heute wissen wir, dass die Kernfusion dafür verantwortlich ist. Die Prozesse, welche auf der Erde Wasserstoffbomben zur Explosion bringen, bescheren uns in der Sonne - billionenmal stärker und in ununterbrochener Abfolge - glühend heiße Sommertage, verheerende Stürme und gleichzeitig die Voraussetzung schaffend, Leben sich auf unserem kleinen, blauen Planeten - einem Juwel in der Kälte des Alls - entwickeln zu lassen.

So gesehen, könnten wir beruhigt in die Zukunft schauen - und doch trügt der Schein.Die Brennstoffreserven der Sonne sind so gewaltig, dass unser "Heimatstern" auch noch die nächsten fünf Milliarden durchhalten wird. Doch wir selbst sind unsere eigene Achillesferse. Sie wird auch dann noch scheinen, wenn WIR uns - durch was auch immer - "längst selbst um die Ecke gebracht haben." Und wir tun alles dafür, dass dieses Horrorszenario tatsächlich eintritt.  


Der Zauber der langen Juni Tage


Der längste Tag des Jahres liegt vor uns. Bleibt der Himmel klar, wird, kaum dass die Sonne im Nordwesten untergegangen ist, kurz danach schon zartes Rosa im Nordosten ihren Wiederaufgang ankündigen: Mittsommernacht. Am 21. Juni erreicht der Frühling seinen Höhepunkt und sein Ende und überlässt es dem Sommer, ganz langsam zuerst, uns wieder an die kürzer werdenden Tage zu gewöhnen. Rund 15 Stunden Tageslicht beschert er uns jeden Tag - und ist Frühlings- und Sommermonat zugleich. Rechnet man großzügig und zählt die lange verweilende Dämmerung des Abends und die des frühen Morgens zum Tag dazu, bleibt wenig übrig für das Dunkel der Nacht. Ganz früh schon, lange bevor sich die Sonne über den Horizont schiebt, schimmern die Wiesen, Flüsse und Seen im Zwielicht des nordöstlichen Horizontes, der im Juni nie wirklich dunkel wird. Ein gerechter Ausgleich. Denn diese langen, herrlichen Tage haben wir uns teuer mit kalten Nächten und den kurzen Tagen der dunklen Jahreszeit erkauft. 

Diese bezaubernde Zeit erlebte ich im vergangen Jahr auf einem Segelboot vor Anker in einer weiten, von Wäldern und Wiesen umkränzten Bucht der Havel. Der Geruch frisch gemähtem Grases lag in der Luft, strich über das Boot und mischte sich mit dem Duft von Jasmin und dem süßlichen Geruch trocknenden Heus einer Wiese.

Ich genoss die Stimmung in vollen Zügen, dachte zurück an den Beginn der warmen Jahreszeit, die einen Augenblick lang wieder Gegenwart wurde. Fast explosiv brachen die Knospen im April auf und legten den Grundstein für das, was im Sommer und Herbst geerntet wird. Dann beruhigte sich der stürmische Aufbruch und Ruhe kehrte ein. Juni. Er beschert uns ausgleichende Seelenruhe, besänftigt das Stürmische und dämpft das Tempo des Grünens.

Juni. Der Monat, in dem es sich gut leben lässt. Entspannung stellt sich ein und auch Dankbarkeit darüber, dies an Bord eines kleinen Bootes genießen zu dürfen. Überhaupt stellt der Juni wenig Ansprüche. Nicht einmal an die Bauern. Er hat seinen eigenen Rhythmus und lässt in Ruhe wachsen, was erst nach seiner Zeit geerntet wird. Der Mensch kann sich anpassen - wenn er will.

Die Hummel kann ihm Vorbild sein. Sie gehört zu einem sonnigen Juni Tag genauso wie die Hecken-oder Kletterrose. Bei mir im Blumenbeet herrscht stetes Summen. Aber ohne Hektik, in sonorer Ruhe. Für mich ist die Hummel nicht nur Insekt, sondern auch Symbol für sorgloses Leben und in mancher Hinsicht ein Beispiel für Mäßigung. Sie isst, wenn sie Hunger hat, döst, wenn sie müde ist, lässt sich weder zähmen noch stiehlt oder tötet sie. Aber vor allem arbeitet sie sich in sechs Wochen nicht zu Tode wie die Biene. Ein Gedanke an die Hummel lohnt sich - besonders an einem sonnigen Juni Tag!

Spät am Abend ruderten meine Frau und ich zu einem gemütlichen Restaurant. Auf dem Rückweg in der lauen, windstillen Nacht umschwirrten uns plötzlich ungezählte weißer Punkte. Glühwürmchen. Wann hatte ich die Letzten gesehen? Ich wusste es nicht. Ewig lange war es her. Geheimnisvoll, funkelnd wie ein herabstürzender Sternenschwarm, tauchten sie auf. Doch als ich einen der kleinen Käfer in der Hand hielt, verlosch sein kaltes, unergründliches Leuchten.

Am nächsten Morgen - dem 22. Juni - wurde ich, wie schon an den Tagen zuvor, vom Duft blühenden Jasmins, den fernen Geräuschen vom Land und See aber zum ersten Mal in diesem Jahr von der Gegenwart des Sommers geweckt - und beflügelt. "Auf", dachte ich! "Die langen Tage des Juni sind zu schade, verschlafen zu werden!"

 


 

Rückblick eines Vaters zum Vatertag.


Als ich vor kurzem die Schublade meines Nachtschrankes ausräumte, um Platz für neue Socken zu schaffen, fiel mir ein Stoß vergessene, aus Papier gefertigter Kostbarkeiten in die Hände. Bilder, Texte und ausgeschnittene Herzen meiner Kinder, die sie mir vor Jahrzehnten zum Vatertag mit strahlenden Augen und der unausgesprochenen Frage: "Gefällt es Dir?", geschenkt hatten. Mir gefiel alles und am nächsten Tag pinnte ich die kleinen Kunstwerke an eine Wand meines Büros. Später legte ich sie zur Aufbewahrung in den Nachtschrank - und vergaß sie, als die heranwachsenden Kinder mit dem "Bilderverschenken" aufhörten.

Nichts wird wirklich vergessen. Denn als ich die Bilder auf der Bettkante sitzend mit langen Pausen des Nach- und Zurückdenkens betrachtete, wurde vor meinem inneren Auge die Zeit meines "Mittelalters", das meiner Frau und die meiner Kinder wieder lebendig. Jedes Bild, jedes ausgeschnittene Herz und jedes Gedicht spiegelte eine bestimmte Entwicklung im Leben meiner Kinder wieder - und auch von mir. Ganz unerwartet lösen manchmal selbst die unbedeutendsten Kleinigkeiten der Gegenwart - wie die "meiner neuen Socken" - die schönsten und buntesten Erinnerungen an die Vergangenheit aus und führen uns zurück in eine Zeit, in der vieles anders, beständiger, aber letztlich genauso im Fluss war wie heute.

Es war es eine turbulente Zeit. Als Selbständiger mit Freizeit nicht verwöhnt, dachte ich in jungen Jahren nur ganz selten - aber mit zunehmendem Alter immer häufiger - schon bei der Fahrt ins Büro: "Das kann doch nicht alles sein, was das Leben zu bieten hat." Dann erschienen vor meinem inneren Auge verführerische Bilder von Palmen, von ewiger Sonne über weißen Sandstränden am tiefblauen Meer und vom "nicht ins Büro fahren zu müssen." Doch kaum erreichte ich meine gewohnte Wirkungsstätte, wurden diese Hirngespinste weggewischt vom geschäftlichen Alltag - der ein stetes und unaufhörliches Entscheidungen treffen und telefonieren war.  Alles drehte sich ums Geschäft, um die Beschaffung von Aufträgen und Waren, um Umsätze und über allem stand, alles am Laufen und Leben zu erhalten.

Meine Frau dachte ähnlich und war mir unverzichtbare Stütze und auch meine Kinder - als sie älter wurden - kannten gar nichts anderes, als auch am Wochenende - einfach aus Spaß an der Sache - mitzuarbeiten.

Und trotzdem: Beim Betrachten der auf Bett und Fußboden ausgebreiteten papiernen Erinnerungen, fragte ich mich, was meine Kinder wirklich dazu gebracht haben könnte, mir so viel Aufmerksamkeit am Vatertag zu schenken.

Um die anspruchsvolle Rolle als Vater wirklich auszufüllen - glaube ich - fehlte mir die Zeit. Kaum wahrgenommen und schon gar nicht wirklich erlebt, riss sie mich mit wie ein reißender Strom. Mir war das klar, doch der Beruf ließ mir keine andere Chance, als genau so zu handeln.

Doch nächste Woche zum Vatertag mache ICH meinen Kindern ein Geschenk. Dann klebe ich die wiederentdeckten kindlich-künstlerischen Kostbarkeiten auf ein großes Plakat. Mit Jahreszahlen versehen, erwecken sie ganz sicher auch bei meinen Kindern - die heute selbst Eltern fast erwachsener Kinder sind und in ihren Beruf ebenso eingespannt sind wie ich damals - eigene Erinnerung an eine unbeschwerte Zeit, in der ihr nur selten sichtbarer Vater dennoch auf wundersame Weise Bestandteil ihres Leben war und für den es sich lohnte, zum Vatertag liebevoll Bilder zu malen, kleine Gedichte aufzuschreiben und farbige Pappherzen auszuschneiden. 

 



Der Wasserhaushalt unseres Körpers.


"Du trinkst zu wenig", meinte kürzlich meine Frau und stellte mir demonstrativ drei große Wasserflaschen ins Büro. "Das ist die tägliche Mindestmenge, die du zu dir nehmen solltest." "Sie hat zu viel Apothekerzeitungen gelesen," dachte ich genervt und nörgelte: "Drei kühle Blonde wären mir lieber." Natürlich weiß ich, dass sie recht hat und weiß auch, dass die kühlen Blonden den insgesamt positiven Effekt durch ihre zwar angenehmen, aber schädlichen Inhaltsstoffe rasant ins Negative drehen würden.

Schaut man mal "hinter die Kulissen - ins Innere unseres Seins" - wird klar, warum sie Recht hat und es werden Vorgänge sichtbar, an die sonst kaum jemand denkt.  

Pausenlos nämlich durchfluten uns Ströme salzhaltigen Wassers, und kein Organ könnte ohne diese Flut am Leben bleiben. Dem Gewicht nach bestehen wir Menschen zu 60 bis 70 Prozent aus Wasser. Dass das Blutplasma zu 95 Prozent aus Wasser besteht, ist klar, dass aber selbst für die festen Knochen Wasser mit über zwanzig Prozent an ihren Gewicht beteiligt ist, ist schon schlechter vorstellbar.  

Schaut man aber eine halbe Milliarde Jahre zurück in die Zeit der Entwicklung des Lebens, wird klar, warum alles so ist. Damals krochen tastend die ersten Lebewesen aus den salzigen, warmen Ozeanen auf festes Land. Und die Natur richtete es ein, dass sie diese nasse, sie ernährende Umwelt mitnahmen aufs trockene Land in Form eines inneren, salzigen "Binnenmeeres."

Seitdem durchströmt dieses "innere Meer" alle Blutgefäße und Kanäle des menschlichen Körpers. Es füllt jede Zelle darin und kein einziger Körperteil von uns könnte ohne diese innere Flut am Leben bleiben.

Darüber stöhnen wir, wenn uns heiß wird. Dabei sind wir uns meist gar nicht darüber im Klaren, dass wir von der eigenen Wärmeerzeugung vernichtet werden würden, hätten wir nicht diesen inneren Ozean in uns. Muskelbewegungen und chemische Prozesse erzeugen dermaßen viel Hitze, die ausreichen würde, uns zu verbrennen. Das Wasser aber, dass unsere Zellen und Gewebe pausenlos durchspült, führt die überschüssige Wärme genauso schnell ab, wie sie entsteht. Bei den Hunden über die Zunge, bei den afrikanischen Elefanten über die großen Ohren und wir, die nicht hecheln können und nur kleine Ohren haben, verlegen uns aufs Schwitzen.

Wasser ist auch unser Stoßdämpfer. Ein Flüssigkeitspolster schützt - bis zu einem gewissen Grade - nicht nur unser Denkorgan vor  Erschütterungen. Ähnlich sind auch unsere Knochen, Gelenke, Organe und Nerven gegen die lebenslangen Stöße gepolstert, die der Körper hinnehmen muss. Ohne Flüssigkeitspolster würde sogar das Aufsetzen der Fersen beim Gehen zur Qual.

Und weil Wasser durch seine Vielseitigkeit auch ein gutes Lösungsmittel ist, trägt es Unmengen wertvolle Chemikalien - aufgelöst oder fein verteilt - durch unseren Körper und leitet zusätzlich noch jene elektrischen Impulse, die die Nerven und Muskeln in Gang setzten. 

Die täglichen Wasserverluste werden zwar durchs Trinken und Essen ausgeglichen, aber das gibt kein richtiges Bild vom Wasserhaushalt unseres Körpers. Doch davon wissen meist nur die Fachleute. Tatsächlich filtern die Nieren im Laufe des Tages sage und schreibe 180 Liter aus dem Blut heraus - und führen sie ihm fast vollständig wieder zu. Und im Körper selbst werden täglich mehr als 10 Liter Wasser durch die Organe selbst produziert - das ihm, von ihm selbst gefiltert und gereinigt, dann zur Wiederverwendung zugeführt wird. Unser innerer Wasserkreislauf ist wirklich ein Wunder an Funktionalität und Komplexität. Und wer glaubt, dass Blut wäre unsere wichtigste Flüssigkeit, irrt. Diese Rolle kommt dem Wasser zu, das uns durchströmt und geschmeidig hält, uns Wärme und Kühlung spendet und "alles an die richtigen Stellen transportiert." Und lauerten nicht die schon angesprochenen bedenklichen "Zusatzstoffe" in den "kühle Blonden mit der weißen Blume", machte es mir einen Heidenspass, mein "inneres Urmeer" während möglichst häufiger Pausen auf Niveau zu halten! 


Wenn ich das Wetter machen könnte...


...würde es Ostern immer so sein, wie in diesem Jahr!

Schon am Samstag weckte mich der Sonnenschein, der sich wie ein warmes Tuch über mein Kopfkissen breitete. Das war auch die letzten Tage so, doch jeder neue Tag überbot den vorhergehenden mit noch mehr Wärme und ließ die frostigen Nächte, die tiefgrauen Wolken, den Schnee, den Hagel und den eisigen Ostwind der Vorwoche ganz plötzlich unwirklich werden.  

Mich hielt nichts mehr im Haus. Unternehmungslustig und mit zwei Fotoapparaten ausgerüstet wanderte ich am Ufer eines kleinen Baches entlang, in der Hoffnung bestimmte Motive für einen Lichtbildervortrag zu finden. Ich brauchte nicht lange suchen. Überall hielt die Natur jene Bilder bereit, die es verdienten, festgehalten zu werden. Freilich, nichts Spektakuläres oder Preisverdächtiges war dabei. Das erwartete ich auch nicht. Dazu war die junge Farbe noch zu zart, zu durchsichtig und unaufdringlich. Aber genau das wollte ich: Die filigrane Komposition aus Licht und Kolorit einfangen, wie sie nur die machtvoll, fast explosionsartig erwachende Natur im letzten Drittel des April zu kreieren vermag. Das fand ich zuerst unter den Weidenbäumen an der Mündung des Rössing- Baches in die "Alte Leine." Bäume beugten sich dort über Spiegelbilder, in denen sich Blattgrün und Himmelblau ganz seltsam miteinander vermischten. Als ich danach die kurze Strecke zur alten Feste Calenberg weiter wanderte, begleiteten mich Apfelbäume am Straßenrand, die noch zwei Tage zuvor auf ein geheimes Zeichen gewartet zu haben schienen, um ihre Knospen aufbrechen zu lassen. Über Nacht war das Zeichen gekommen und wie abgesprochen, hatten sie ihre Kronen in prächtige Rosenbuketts verwandelt. Rosen, ja - für mich sind Apfelbäume die schönsten der Rosengewächse. Nun überboten sie sich geradezu mit ihren weiß-rosa Blüten, um die Insekten aus den am Feldrand aufgestellten Bienenstöcken anzulocken.

Unter den Bäumen färbte der gelbe Löwenzahn - Blüte an Blüte der Sonne zugerichtet - das Grün des Rasens in einen gelb gemusterten Teppich und - als wäre das noch nicht genug - mochte auch der Raps nicht zurück stehen und begann, die umliegenden Felder mit gelben Laken zuzudecken. Blauer Himmel, rosa Apfelblüten, sattgelber Löwenzahn und hellgelbe Rapsfelder: Farbe rundherum und im Überfluss und als ich die Ruine der alten Calenburg erreichte, schaute ich nicht mal hinein ins Düstere des Gewölbes, sondern stieg der herzöglichen Burg im wahrsten Sinne des Wortes "aufs rundliche, sonnenbeschienene Dach. Kein Tag könnte schöner sein als dieser, fand ich, als mein Blick von dort oben über die alten Arbeiterhäuser und Gärten der früheren Domäne streifte. Duftend, spiegelblank und heiter wünschen wir uns jeden Tag wie diesen - und doch müssen sie die Ausnahme bleiben und Regentagen weichen, damit das Wunder der erwachenden Natur sich Jahr für Jahr wiederholen kann. Das wurde mir klar, als ich die Uferböschung zur alten Leinebrücke vor Schulenburg hinab stieg und sah, wie wenig Wasser der Fluss führte. Und so würde ich - wenn ich das Wetter machen könnte - auch dafür sorgen, dass es nicht mehr so viele nur graue Tage gibt, sondern mehr von den Grauen, an denen es auch regnet. Aber immer so, dass der nasse Segen in vernünftigen Grenzen bleibt. Soviel wie nötig - wäre mein Grundsatz - aber nicht mehr. Und wenn ich auch noch bestimmen dürfte, wann es regnen soll, dann würde ich - "mit einem Augenzwinkern" - die Nächte dafür vorsehen und die Wochenenden ganz ausschließen... 



Bloß nicht an allem herumdoktern!


Unsere Hausapotheke wird so selten benutzt, dass ich sie glatt vergaß, als ich eine Verletzung versorgen wollte, die ich mir bei der Gartenarbeit geholt hatte. Nie benutze ich das übliche Heftpflaster, sondern immer das schwarze Isolierband, mit dem ich auch Kabel repariere. An jenem Tag war es verbraucht und ich erinnerte mich an die Pflaster im fast vergessenen Schränkchen. Wohl Jahrzehnte alt - war der Klebstoff eingetrocknet und ich ließ die Wunde so, wie sie war - unbehandelt. Sie verheilte so schnell, wie noch keine der zahlreichen Verletzungen vor ihr und ich wurde den Verdacht nicht los, dass gerade die fehlende "Verpflasterung" Ursache war für die schnelle Heilung.

Dann erzählte mir jemand, dass er von acht Tabletten täglich vier nur deshalb schlucken musste, um die Nebenwirkungen der anderen vier auszugleichen. Das war Wasser auf meine Mühle und mein Verdacht wurde zur Gewissheit: 

"Es wird zu viel herum gedoktert!" 

Und als ich kurz darauf wie zum Hohn auf einen Zeitungsartikel stieß, musste ich so laut lachen, dass meine Frau erschrocken die Tür aufriss: "Neue Volksseuche", stand da. "Therapieschaden - hervorgerufen durch Tabletten Konsum."

Seitdem frage ich mich, ob nicht jede Kur und überhaupt jede Maßnahme zur Behebung unerwünschter Nebenwirkungen nur neuen Ärger erzeugt. Bei der Kur könnte der Kurschatten das neue Übel sein. Das nutzen Eheberater für ihre große Stunde und werben für solche Fälle mit: "Sind sie glücklich verheiratet?" Dass sie damit die Ehen regelrecht untergraben, wissen sie. Hätten sie nicht gefragt, wären erst gar keine Zweifel aufgekommen, aber nun...?

Die Liste meiner nagenden Zweifel über jene Errungenschaften ist lang, die meist mehr schaden als nutzen. Klimaanlagen bringen uns den Schnupfen, Aktivurlaub raubt uns den Rest der Spannkraft und von Lockerungsübungen bekommen wir Muskelkater. Insektenvernichter machen die Winzlinge immun und weil wir schon den Garten im Visier haben, füttern wir - um dem Vogelsterben Einhalt zu gebieten - die gefiederten Gartenbewohner mit Haferflocken. Das macht so lange Spaß, bis die ersten grauen, langschwänzigen Nager die Vögel verjagen und danach den Angriff ins Haus starten. Gegen sie wirkt eine Katze nur bedingt, denn ihre "Nebenwirkung" besteht darin, uns Geschenke zu hinterlassen, die sie selbst nicht frisst und im unpassenden Augenblick hinter den Wohnzimmer Schrank entkommen lässt. Merkt man's, geht man auf Mäusejagd. Merkt man's nicht, ist die Nebenwirkung der Nebenwirkung nach einiger Zeit ein merkwürdiger Geruch. 

Nichts ist ohne Nebenwirkungen. Elegante Schuhe ruinieren die Füße, teure Friseure die Frisur und in der Gesellschaft macht man selten was richtig. Gähnt man laut, wird man dumm angesehen, weil sich das nicht gehört. Gähnt man diskret, gehen die Gäste erst recht nicht nach Hause und tuschelt man, verstummen alle Anderen, um mitzuhören.

An Erziehungsversuchen aber beißt sich jeder die Zähne aus. Besonders, wenn man versucht, die Menschen besser zu machen, als die Natur sie machen wollte.

 

Alkoholverbote fördern das Trinken. Schilder mit der Aufschrift "frisch gestrichen" reizen zum "ausprobieren" und Autofahrer reizt es denjenigen zu überholen, der sich - auch schon zu schnell, aber doch einigermaßen genau - an die Geschwindigkeit hält. Es ist wie bei den Tabletten gegen die Tabletten: Alles hat Nebenwirkungen. Auch die Tabletten gegen die Tabletten. Und deshalb glaube ich, dass es oft vernünftiger, gesünder und bequemer ist, sich auf die Gartenliege zu legen und von wichtigen Ausnahmen abgesehen, die Dinge sich selbst regeln zu lassen. Bleibt aber die Frage offen: "Was löst das wieder für Nebenwirkungen aus?" 



Die Tücke der Objekte


Wie tückisch Gegenstände sein können, wurde mir kürzlich vor Augen geführt, als der dünne Wurm von Elektrokabel sich plötzlich weigerte, meinen Projektor mit Strom zu versorgen. Und das zur unpassendsten Zeit, nämlich in der Mitte eines Vortrages. Wenn auch Menschen im Ruf stehen, tückisch werden zu können, sind Gegenstände das von Berufs wegen - aber differenziert. Jahrzehnte der Beobachtung - genaugenommen, seitdem ich mein erstes Auto kaufte - machten mir klar: Gegenstände bestehen aus drei Hauptgruppen: Solchen, die kaputt gehen, solchen, die verloren gehen und solchen, die überhaupt nicht gehen.

Allen drei Gruppen ist gemeinsam, dass sie dem Menschen permanent Widerstand entgegen setzen und so versuchen, ihn zu zermürben. Zuerst unmerklich durch kleine Schikanen - wie mein Kabel - und dann ganz plötzlich und oft für immer. Notfalls sogar auf Kosten der eigenen Existenz. Ein Auto wird immer dorthin fahren, wohin es will, wenn der Mensch nur einen Moment nach unten schaut, um das runter gefallene Handy zu greifen.

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Gegenstände immer dann kaputt gehen, wenn sie am dringendsten gebraucht werden. Ein Klassiker ist die Heizung, die gerade bei größter Kälte nicht anspringen will. Auch Autos sind nicht besser und gehen nie kaputt, wenn die Autowerkstatt gleich um die Ecke ist. Geduldig warten sie um erst dann zuzuschlagen, wenn ihr Fahrer sich auf einer viel befahrenen und breiten Kreuzung befindet. In solchen Momenten feiert die Tücke der Objekte ihren stillen Triumph und hat so den ersten großen Schritt getan, dem Menschen durch den damit verbunden Ärger das Leben zu verkürzen. Auch Computer, Geschirrspüler und Waschmaschinen gehören dazu.

Zur zweiten Kategorie gehören Zangen, Meißel und Scheren. Ihnen wurde die Fähigkeit zum Kaputtgehen nicht in die Wiege gelegt und deshalb mussten sie eine andere Technik entwickeln, um den Menschen zu zermürben. Sie gehen verloren. Einfach so und ohne Grund und vor allem unbemerkt. Bis man's doch merkt, ist es zu spät. Die Wissenschaft gibt ihr bestes, wenn sie versucht das Phänomen des grundlosen Verschwindens zu erklären. Doch kommt sie nicht weiter, weil sie noch nie ein sich zum Verschwinden bereit machendes Teil auf frischer Tat ertappt hat! Mittlerweile kursiert in akademischen Kreisen sogar die Theorie, dass gerade die einfachen Dinge eine geheimnisvolle Methode der Fortbewegung entwickelt haben, um sich der Wahrnehmung durch das menschliche Auge zu entziehen. Eine Schere, die eben noch im Schubkasten lag, wird Tage später  im Gemüsebeet gefunden. Diese unerklärliche Reise an einen Ort, an den sie nicht gehört, lässt gar keine anderen Schlüsse als die Fähigkeit zur des geheimnisvollen Reisens!

Die dritte Klasse der Gegenstände - solche, die gar nicht gehen - ist die Merkwürdigste der drei Genannten. Taschenlampen und Feuerzeuge, aber vor allem Kinderspielzeug gehören dazu. Genaugenommen gehen sie doch - dass aber nur einmal - direkt nach der Anschaffung. Danach gehen sie nie wieder und es hält sich der Glaube, dass sie nur für diesen Zweck gebaut wurden. Am Boot habe ich eine Uhr, deren Zeiger sich in den letzten 40 Jahren keinen Millimeter bewegt haben. Nur die sonst sichtbaren Schraubenlöcher ihrer Befestigung bewahrt sie davor, abgeschraubt zu werden und im Müll zu landen. Dieser Kategorie steht die Wissenschaft völlig hilflos gegenüber. Solche Gegenstände mit ihrer stoischen Verweigerung uns zu dienen haben es geschafft, den Menschen zu besiegen. Er erwartet nichts mehr von ihnen und so sind sie die Einzigen, die ganz gegen ihren ursprünglichen Willen - uns zu zermürben - dem Menschen unerwarteten Frieden bringen. 

 

   

Ein Loblied auf das Buch.


Seitdem es öffentliche Bücherschränke gibt, bin ich optimistisch, dass das Buch nicht aussterben, sondern an Bedeutung gewinnen wird. Nie zuvor war es möglich, so viel Literatur so preiswert den Menschen zugänglich zu machen. 

Ob Klassiker oder Bücher der Moderne - alles halten diese Schränke vor und manches wertvolle Buch habe ich seitdem gelesen, von dessen Existenz ich vor der "Bücherschranklawine" überhaupt nichts wusste. Wahre Schätze schlummern in ihnen und manchmal kommt mir der Gedanke: 

"Was macht ein Buch so begehrenswert und was genau ist eigentlich ein Buch?"

Zur Hälfte Materie, zur anderen Hälfte Geist. Man kann es drehen, wenden und betrachten - aber seine Eigenschaften fest umreißen kann man nicht. Seine äußere Form hat sich seit rund zweitausend Jahren - der Zweckmäßigkeit wegen - kaum verändert. Man kann Details verändern, aber das Buch in seiner Grundsätzlichkeit wird dadurch nicht anders. Buch bleibt Buch - mit Seiten, Texten, manchmal mit Bildern und immer einer äußeren Hülle. Und so betrachtet, ist es nur Gegenstand wie ein Bleistift oder ein Schal.

Und doch ist es mehr. Ein Buch ist Höheres, Edleres als die Alltagsgegenstände unserer Welt. Es ist ein Weg für jeden, der zu Wissen und Erkennen führen kann. Ein Zauberstab, der uns unendlich viele Freuden und Leiden eröffnet. Ein Griff genügt, und schon entführt uns diese Aneinanderreihung von Papierseiten in eine schweigende Welt, in der Schicksale sich entfalten und Wunder geschehen. Ferne Länder tun sich in ihnen für uns auf und komplexe wissenschaftlichen Fortschritte werden anschaulich dargestellt und illustriert. Und nicht zuletzt: Unendlich viele Kochanleitungen verführen zu immer neuen Kreationen in der heimischen Küche.

Doch erst beim Blick über den Tellerrand der Literatur wird sichtbar, dass der literarische Himmel fast unendlich groß geworden ist und - bildlich gesprochen - auch hinter dem Horizont unseres Blickfeldes kein Ende in Sicht ist. 

Kein Wunder, denn das Buch als solches ist nicht das Produkt Einzelner, sondern entstammt unendlich vieler individueller Gedanken, die unabhängig voneinander an den verschiedensten Orten unseres Planeten gereift sind. Es ist, als habe sich die Menschheit - was selten genug passiert - in einer einzigen gewaltigen Anstrengung vereinigt, um "das Buch" zu erschaffen.

Die Chinesen erfanden das Papier, die Phönizier das Alphabet. Die Römern gaben ihm die äußere Form  und Deutschland steuerte die Kunst des Druckes mit beweglichen Lettern bei. Aber erst England und die USA brachten die Buchherstellung durch ihre Großdruckereien richtig in Schwung. Es fällt schwer, sich die bücherlose Welt unserer Ahnen vorzustellen. und noch schwerer fällt es, die ungeheure Leistung zu begreifen und zu würdigen, die hinter der Erschaffung des Buches steht.

Macht man sich klar, dass am Anfang nur das gesprochene Wort stand - was noch gar nicht lange her ist -  schält sich die Bedeutung des Buches für die Menschheit noch mehr heraus.

Wenn auch die elektronischen Medien einen harten Wettbewerb um die Lesergunst angezettelt haben, ließen sie zeitgleich eine neue Sehnsucht wach werden, sich's mit einem guten Buch gemütlich zu machen. Gedanken und Träume, Wissen und Streben sind in Büchern am besten konserviert und von diesem Reichtum kann sich jeder nehmen, was ihm gefällt.

Die Menschheit kann stolz darauf sein, das Buch erfunden zu haben. Und so fahre ich, wie jedes Jahr, wieder zwei Tage zur Leipziger Buchmesse, um einzutauchen in diese einzigartige Welt schriftgewordenen Geistes.  

 

  

Ottos Krähe


"Mit Adleraugen" beobachtete eine Krähe vom Gipfel einer auf dem Nachbargrundstück stehenden Eiche meine Frau, wie sie Erdnüsse in unseren Garten streute - die einen Eichelhäher heran locken sollte. Kaum schloss meine Frau die Haustür, schwebte die Krähe herab und fraß das, was nicht für sie bestimmt war. Und suchte das Weite, wenn sich meine Frau umdrehte und ihr zu nahe kam.

Eine andere Krähe hatte zuerst das Pech, aus dem Nest zu fallen und dann das Glück, direkt vor Ottos Füßen zu landen. Der nahm sie mit nach Hause. Sie hing wie eine Klette an ihm, was ihm an ihr gefiel. Später verwünschte er sie manchmal, und als sie noch später plötzlich verschwand, war ihm das auch nicht recht.

Zugegeben, sie war ein komischer Vogel. Statt kindlicher Hilflosigkeit hatte dieses Geschöpf etwas Greisenhaftes an sich. Seine dürren Beine, sein dicker Bauch und seine nörglige Stimme machten ihn unsympathisch. Und sein Gang - wenn er sich überhaupt auf den Füßen halten konnte - glich dem eines Trunkenboldes. Nur zwei Eigenschaften waren ausgesprochen jugendlich: Sein Appetit und seine Neugier. Otto behielt ihn trotzdem.

Der Gedanke, dass ein Wohnortwechsel vom Wald ins Haus eher die Ausnahme ist, kam dem Vogel wohl nie. Gleich vom ersten Tag an prüfte er jedes Möbelstück auf seine Sitztauglichkeit und jeden glänzenden Gegenstand auf seine Verwendbarkeit. "Du glaubst nicht, wie schnell er uns als sein Eigentum ansah", erzählte mir Otto. "Schon nach wenigen Tagen, so schien es, erkannte er seine Artgenossen nicht mehr. Noch bevor der Vogel richtig fliegen konnte, bestimmte er schon unser Leben.

Im Garten liebte er besonders jene Pflanzen, die ich gerade gesetzt hatte. Zu spät entdeckte ich vor kurzem, dass er jedes neu gesetzte Pflänzchen in aller Stille wieder heraus gezogen und in Stücke gerissen hatte. Doch beim Unkrautjäten ließ er mich schnöde im Stich. Er rührte keinen Flügel, um herabzuschweben und keinen Schnabel um mir zu helfen. Statt dessen sah er mir - war es Hohn? - von der Dachrinne aus zu. Da dämmerte es mir: Niemals würde ich mehr ein Diener für ihn sein.

Was meine Katze nie begriffen hat - auf Ruf zu kommen - lernte er in zwei Sekunden. Und lernte sogar, auf das Rascheln des Papiers zu hören, in dem sein Rindermett eingewickelt war."

Otto dachte kurz nach, dann erzählte er weiter: "Ich mochte ihn einfach. Trotz aller Nachteile durch ihn hätte ich mich ungern von ihm getrennt. Er war pflegeleicht, stellte keine Ansprüche an Sympathie oder Zeit und war da, wenn ich Gesellschaft wollte. Dann hockte er auf meiner Schulter und war nie beleidigt, wenn ich ihn vertrieb. Ab- und zu beteiligte er sich sogar am Gespräch mit einem klagenden Monolog, der erstaunlich menschlich klang. So, als würde hinter vorgehaltener Hand über jemanden gesprochen, der das aber nicht hören sollte.

Als er älter wurde, verjüngte er sich. Wirklich! Aus der struppigen "Häßlichkeit" mit aufgerissenem Schnabel und zahnlosem Gaumen wurde ein schlanker, eleganter Teen mit glänzenden Gefieder, kräftigen Flügeln und einem langen Schwanz. Seitdem klopfte er jeden Morgen ans Fenster, um mich zu wecken. Er machte sich immer mehr zum Drehpunkt unseres Lebens. Der Haushalt wurde nun von einem Tier regiert, dass seine Lebensaufgabe darin zu sehen schien, unser Hab und Gut auseinander zu nehmen und nachzusehen, wie wir funktionierten. Socken, Scheren, Unterhosen verschwanden und - stell Dir mal vor, wie ich mir vorkam", - Otto bekam vor Ärger ein roten Kopf - "sogar der BH meiner Frau hing später in der Tanne des Nachbarn.

Der Nähkorb war seine Spielwiese und an Streichholzschachteln bewies er seine Intelligenz. In Sekundenschnelle waren sie geöffnet, ausgeplündert und - ein Wundertier - er machte die Schachteln sogar wieder zu! Das Maß aber war voll, als Freunde sich für immer von uns verabschiedeten, weil sie meinten, wir hätten einen Vogel, wenn wir diesen Vogel behielten. Sie hatten recht, weil sie  erkannten, dass sie für den Vogel keine Gäste, sondern nichts anderes waren als Streichholzschachteln, aus denen überall was raus zu ziehen war.

Er muss weg, entschied ich - und dann blieb er weg. Grußlos. So, als hätte er verstanden. Vielleicht war er intelligenter als wir ahnten und erkannte, dass Mensch und Vogel doch nicht so viel gemeinsam haben, um sich gegenseitig in die jeweils andere Denkweise hinein versetzen zu können.

Seitdem wissen wir, was wir verloren haben und ein Hauch jener Stimmung machte sich breit, als damals die Kinder aus dem Haus gingen." 

 
 
 
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