Wolfgang Nieschalk
        "Wer handelt, kann Fehler machen. Wer nicht handelt, hat bereits einen Fehler gemacht."

Ärztinnen - eine Erfindung der Neuzeit

Die erste große Ärztin

Ärztinnen sind eine "gute Erfindung der Neuzeit", ging es mir durch den Kopf, als ich im Wartezimmer meiner Hausärztin freundlich zur Untersuchung gebeten wurde.

Wenn auch die 1754 promovierte Dorothea Erxleben als frühe Pionierin der weiblichen Ärzteschaft gilt, blieb sie für die Menschen in Quedlinburg doch nur "die freundliche Frau Pastorin."

Hundert Jahre später war die Medizin immer noch Männersache. Erst als die weltweit einzige approbierte amerikanische Ärztin Elizabeth Blackwell in London über "Medizin als Frauenberuf" sprach, fand sie in der Engländerin Elizabeth Garrett eine glühende Zuhörerin und ahnte nicht, dass diese Frau Wegbereiterin für ungezählte andere Frauen werden würde, die eine Karriere im geheiligsten Bereich der Männerwelt - der Medizin - anstrebten.

Dokumente aus jener Zeit enthüllen, wie schwierig alles war: Mama stürzte in ihr Zimmer, verriegelte die Tür, warf sich weinend aufs Bett und schrie: "Ach Lissy. Lissy, diese Schande! Das überleb ich nicht."

Papa brüllte, dass man's im ganzen Haus hörte: "So ein Skandal! So eine Schamlosigkeit! Und das von der eigenen Tochter!" Doch ich stand ungerührt und trotzig im Wohnzimmer, schob die Unterlippe vor und wiederholte meine dreiste Forderung: "Papa, ich will Ärztin werden."  

Später erklärte ich meinen Vater: "Frauen wie Florence Nightingale hätten im Krimkrieg in der Krankenpflege wunderbares vollbracht. Warum soll das bei Ärztinnen anders sein?" Er verstand und versprach, mir auf Schritt und Tritt beizustehen. Was auch nötig war, denn die Ärzteschaft erklärte übereinstimmend: "Kein Lehrkörper und keine Prüfungskommission würde sie zum Examen zulassen. Keine Frau kann die blutigen Schrecken eines Operationssaales ertragen. Doch der Direktor einer Londoner Klinik bot ihr an, sechs Monate als Pflegerin zu arbeiten und zu prüfen, ob sie der Härte des Arztbesuches wirklich gewachsen sei. Sie griff zu.

Die erste Operation war schrecklich. Der Chirurg trug Kleidung, die mit Blut früherer Operationen besudelt war. Er sah aus wie ein Metzger und bei den Schmerzensschreien des ohne Narkose operierten Patienten erblasste sie, ließ sich aber nichts anmerken. Sie überwand den Ekel vor dem übelkeitserregenden Wundbrandgeruch und nach einer Woche glaubte sie, alles ertragen zu können.

Doch ihr Standvermögen blieb nicht unbemerkt und allmählich unterstützten sie immer mehr Ärzte. Und als der Dekan sie zu seinen Vorlesungen im Seziersaal zuließ, unterschrieb sie strahlend die damit verbundene Verpflichtung, "im Hospital und im Garten nicht zu rauchen und sich 'wie ein Gentleman' zu benehmen.

Doch als es mit ihrer Approbation ernst wurde, versuchte sich die "Societ of Apothecaries" zu drücken und verweigerte ihr die Zulassung zum Examen. Ihr Vater spuckte Gift und Galle. "Nicht prüfen? Dich? Das wollen wir mal sehen" - und drohte mit Klage. Die Apothekergesellschaft gab nach und von acht Prüflingen bestanden drei - Elizabeth war eine davon. Aber ohne Doktortitel fand sie keine Stelle in einer Klinik. Prompt gründete sie mit Hilfe ihres Vaters in einem Londoner Elendsviertel eine Armenklinik für Frauen und Kinder. Die Spenden sprudelten und sie wurde zur Berühmtheit. Aber nicht in England, sondern später in Paris legte Elisabeth Garrett das Doktorexamen ab. Zum ersten Male verlieh die Sorbonne einer Frau das "Dr. med." Ihre kühnsten Träume hatten sich erfüllt und schon bis zu ihrem Tode im Jahre 1917 hatte sie als beispielsloses Vorbild an Hingabe und Beharrlichkeit den Ärztinnen unserer Zeit den Weg in eine medizinische Zukunft frei geräumt. 


 
 
 
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