Wolfgang Nieschalk
        "Wer handelt, kann Fehler machen. Wer nicht handelt, hat bereits einen Fehler gemacht."

Was man erst dann lernt, wenn man schon alles weiß 

Vielleicht kennen Sie den Roman "Don Quichotte." Wenn nicht, kein Problem. Darauf kommt es auch nicht an. Viel wichtiger ist, welche Eigenschaften und welcher Lebensweg sich hinter dem Autor des Romans versteckt. Er war Strafgefangener, mehrfach Soldat, wurde entführt, war Kriegsgefangener, von Piraten gequält und verlor dabei einen Arm. Sogar in einen Mordfall war er unschuldig verwickelt. Alles in allem hatte dieser Mann kaum Freude im Leben, aber umso mehr Leid erlebt. Er hieß "Cervantes", schrieb den "Don Quichote" und das ausgerechnet in seinen letzten Lebensjahren. Doch auch das ging schief, denn den Gewinn aus dem Bestseller unterschlug der Verlag und vollkommen mittellos, machte er sich trotzdem daran, den zweiten Band zu schreiben und veröffentlichte ihn im Jahr 1615. Ein Jahr später starb er.

Als ich seine Biographie las, stellte ich mir die Frage, was diesen Mann dazu getrieben haben mag, erst am Ende seines Lebens trotz unaufhörlicher Rückschläge immer wieder neue Lebens- und Schöpfungskraft zu entwickeln. Andere tun das viel früher, in besseren Verhältnissen und jeder kennt Leute, die sich schon vor Erreichen der Lebensmitte verausgabt haben. Ich spreche nicht von denen, die auf dem Weg nach oben zurückbleiben. Nicht jeder kann den Gipfel erreichen. Ich meine diejenigen, die aufgehört haben, zu lernen und sich nicht weiter entwickeln, weil sie sich im Lauf der Jahre meist unbemerkt in erstarrten Verhaltensmustern und Meinungen festgefahren haben.

Oft auf einem Spezialgebiet erfolgreich, verfangen sie sich darin wie in einem Spinnennetz. So eingesponnen, bemerken sie immer weniger die Vielfältigkeit unseres Seins. Nichts überrascht sie mehr und der Sinn für das Wunderbare im Leben geht verloren.

Ich kämpfe ständig dagegen an und wehre mich, indem ich gegen jeden Stillstand angehe und mir nicht einreden lasse, Lernen sei nur etwas für junge Menschen. Für mich zählt vielmehr das, was ich lerne, nachdem ich schon "alles weiß." Sogar schlechte Ereignisse sind wertvoll, wenn ich mir die Frage stelle: Was lerne ich daraus?" Oft weiß ich die Antwort schon im Voraus: "Bist selbst schuld, hast wieder mal nicht richtig vorbereitet..." Innerlich lebendig bleiben und lernen wollen ist, glaube ich, ein guter Weg der Gefahr zu entgehen, zum Gefangenen der eigenen Gewohnheiten zu werden. Wer will, lernt überall. Wir lernen, wenn wir die Verpflichtungen des Lebens ernst nehmen. Auch, wenn wir leiden, Risiken eingehen und unwürdige Behandlung mit Würde ertragen.

Was wir in reifen Jahren lernen, dient nur teilweise der Erweiterung des Wissens. Dafür lernt man vermehrt, mit den Gegebenheiten zu leben, die nicht zu ändern sind. Man lernt, Selbstmitleid zu bekämpfen und seine Energie effektiver einzusetzen. Man lernt, dass es trotz aller Bemühungen immer Gegenspieler geben wird, die es besser wissen wollen. Eine beunruhigende Einsicht, die später befreiend wirkt. Zu den nützlichsten Erkenntnissen gehört aber, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist. Nicht die anderen sind schuld. Auch nicht die Umstände. Jeder steht für sich selbst. Motivation und Begeisterungsfähigkeit ist der Treibstoff für den, der weiter lernt.

Diejenigen, die gelernt haben, eine Arbeit so gut wie möglich zu erledigen, gleichgültig ob im akademischen oder handwerklichen Bereich, beim selbstlosen Einsatz im Dorfladen oder beim Kinder erziehen: Diese Menschen haben die wertvollste Lektion des Lebens gelernt - dass nur so die Welt besser werden kann. 

 
 
 
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