Juni 2018

An meine Enkelin...

Liebe Victoria,

herzlich willkommen unter uns Autofahrern! 

Bald wird Dein erstes Auto angeliefert. Dann beginnt für Dich eine neue Zeit. Dieser Augenblick ist so wichtig, dass ich Dir am liebsten eine Ansprache halten würde. Aber ich weiß, das möchtest Du nicht. Und so verlege ich mich aufs Schreiben - mit dem Vorteil, dass Du das Geschriebene auch dann noch lesen kannst, wenn das Gesagte längst spurlos verhallt wäre.

Erst wenn Du eine Familie gründest, wirst Du wieder so viel Verantwortung übernehmen müssen, wie Du sie Dir mit dem neuen Auto aufgeladen hast. Das ist der Kern meines Briefes.

Wenn das Gefährt glänzend vor Deiner Tür stehen wird, bist Du glückliche Besitzerin eines der ungewöhnlichsten Geräte unserer Zeit. Seine Fähigkeit, unser Leben viel mehr zu beeinflussen, als uns dies manchmal bewusst ist, machte es beliebt und zur Massenware und  zum Sklaven von Milliarden Menschen. Ein Auto murrt nie und tut, was Du von ihm verlangst. Das ist das Fantastische an ihm und schafft Dir damit gewaltige Möglichkeiten der persönlichen Entfaltung und eine Vielzahl von Freiheiten, bei denen die Unabhängigkeit von Fahrplänen nur eine ist. Jedenfalls wird es Dich - Siebenmeilenstiefeln gleich - überall dorthin bringen, wohin Dir gerade der Sinn steht.

Vergiss aber nie: Auch am Beginn des Zeitalters selbstfahrender Autos wird wahrscheinlich immer ein fehlbarer Mensch hinter dem Lenkrad sitzen. Ab jetzt sitzt Du dort.

Mit "fehlbar" meine ich alle Schwächen, die ein Mensch haben kann. Von diesen Schwächen gibt es viele. Alkohol am Steuer gehört auch dazu, aber selbst wenn Du völlig nüchtern bist, kann ein einziger unaufmerksamer Augenblick oder der Griff zum Handy die gleichen Folgen haben - trotz der Unmenge eingebauter Elektronik. Ich bin froh, dass Du ab jetzt Dein Leben nicht mehr anderen anzuvertrauen brauchst. Nun trägst Du die Verantwortung für Dich selbst und für Andere. Für Mitfahrer ebenso wie für Unbeteiligte.

Einen Rat fürs Fahren gebe ich Dir nicht, möchte Dir aber eine Regel nennen, die für mich während meiner langen Autofahrerjahre immer oberste Priorität hatte. Sind Kinder in Deiner Reichweite, nimm den Fuß vom Gas! Der gewonnene Sekundenbruchteil beim Anhalten rettet vielleicht ein junges Leben. In unserer Hand liegt es, großes Leid über andere zu bringen, um Eltern ihre Kinder oder Kindern ihre Eltern zu nehmen. Denn das Auto ist - ich wiederhole mich - nichts anderes als gutmütiger Sklave - und Höllenmaschine zugleich. Es wird nicht zögern, Dich und sich selbst an einem Baum oder einer Felswand zu zerschmettern, wenn Du unaufmerksam bist. Diese fahrbare Maschine kann nicht für Dich denken oder Dir eine Entscheidung abnehmen und wird Dich gefühllos in die Katastrophe oder sicher ans Ziel bringen. Ohne Deine Hilfe kommt meist kein Auto um die Kurve und über keine vereiste Straßen. Verlangst Du zu viel von ihm - wird es sich gegen Dich wenden. Dann kann es schrecklich sein. 

Du könntest nun fragen: "Warum dann überhaupt Auto fahren? Die Antwort ist einfach. Es wird Dir große Befriedigung, Freude und Freiheit schenken. Ich beneide Dich um die Erregung der ersten Fahrt, wenn Du Sitz und Spiegel einstellt, den Zündschlüssel drehst, das Vibrieren des Motors spürst und dann als Deine eigene Herrin in eine neue, unabhängigere Zukunft davon fährst. Diese Erregung wird sich vielleicht nie verlieren. Ich erlebe sie heute noch - trotz unendlich vieler Staus auf den Straßen und mehr als einem halben Jahrhundert als Autofahrer. Möge das Auto auch Dir viele frohe Jahre beglückender Freiheit bringen.

 

Dein Großvater. 

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