Wolfgang Nieschalk
        "Wer handelt, kann Fehler machen. Wer nicht handelt, hat bereits einen Fehler gemacht."

Wenn ich das Wetter machen könnte

...würde es Ostern immer so sein, wie in diesem Jahr!

Schon am Samstag weckte mich der Sonnenschein, der sich wie ein warmes Tuch über mein Kopfkissen breitete. Das war auch die letzten Tage so, doch jeder neue Tag überbot den vorhergehenden mit noch mehr Wärme und ließ die frostigen Nächte, die tiefgrauen Wolken, den Schnee, den Hagel und den eisigen Ostwind der Vorwoche ganz plötzlich unwirklich werden.  

Mich hielt nichts mehr im Haus. Unternehmungslustig und mit zwei Fotoapparaten ausgerüstet wanderte ich am Ufer eines kleinen Baches entlang, in der Hoffnung bestimmte Motive für einen Lichtbildervortrag zu finden. Ich brauchte nicht lange suchen. Überall hielt die Natur jene Bilder bereit, die es verdienten, festgehalten zu werden. Freilich, nichts Spektakuläres oder Preisverdächtiges war dabei. Das erwartete ich auch nicht. Dazu war die junge Farbe noch zu zart, zu durchsichtig und unaufdringlich. Aber genau das wollte ich: Die filigrane Komposition aus Licht und Kolorit einfangen, wie sie nur die machtvoll, fast explosionsartig erwachende Natur im letzten Drittel des April zu kreieren vermag. Das fand ich zuerst unter den Weidenbäumen an der Mündung des Rössing- Baches in die "Alte Leine." Bäume beugten sich dort über Spiegelbilder, in denen sich Blattgrün und Himmelblau ganz seltsam miteinander vermischten. Als ich danach die kurze Strecke zur alten Feste Calenberg weiter wanderte, begleiteten mich Apfelbäume am Straßenrand, die noch zwei Tage zuvor auf ein geheimes Zeichen gewartet zu haben schienen, um ihre Knospen aufbrechen zu lassen. Über Nacht war das Zeichen gekommen und wie abgesprochen, hatten sie ihre Kronen in prächtige Rosenbuketts verwandelt. Rosen, ja - für mich sind Apfelbäume die schönsten der Rosengewächse. Nun überboten sie sich geradezu mit ihren weiß-rosa Blüten, um die Insekten aus den am Feldrand aufgestellten Bienenstöcken anzulocken.

Unter den Bäumen färbte der gelbe Löwenzahn - Blüte an Blüte der Sonne zugerichtet - das Grün des Rasens in einen gelb gemusterten Teppich und - als wäre das noch nicht genug - mochte auch der Raps nicht zurück stehen und begann, die umliegenden Felder mit gelben Laken zuzudecken. Blauer Himmel, rosa Apfelblüten, sattgelber Löwenzahn und hellgelbe Rapsfelder: Farbe rundherum und im Überfluss und als ich die Ruine der alten Calenburg erreichte, schaute ich nicht mal hinein ins Düstere des Gewölbes, sondern stieg der herzöglichen Burg im wahrsten Sinne des Wortes "aufs rundliche, sonnenbeschienene Dach. Kein Tag könnte schöner sein als dieser, fand ich, als mein Blick von dort oben über die alten Arbeiterhäuser und Gärten der früheren Domäne streifte. Duftend, spiegelblank und heiter wünschen wir uns jeden Tag wie diesen - und doch müssen sie die Ausnahme bleiben und Regentagen weichen, damit das Wunder der erwachenden Natur sich Jahr für Jahr wiederholen kann. Das wurde mir klar, als ich die Uferböschung zur alten Leinebrücke vor Schulenburg hinab stieg und sah, wie wenig Wasser der Fluss führte. Und so würde ich - wenn ich das Wetter machen könnte - auch dafür sorgen, dass es nicht mehr so viele nur graue Tage gibt, sondern mehr von den Grauen, an denen es auch regnet. Aber immer so, dass der nasse Segen in vernünftigen Grenzen bleibt. Soviel wie nötig - wäre mein Grundsatz - aber nicht mehr. Und wenn ich auch noch bestimmen dürfte, wann es regnen soll, dann würde ich - "mit einem Augenzwinkern" - die Nächte dafür vorsehen und die Wochenenden ganz ausschließen... 

 
 
 
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