Wolfgang Nieschalk
        "Wer handelt, kann Fehler machen. Wer nicht handelt, hat bereits einen Fehler gemacht."

Stress - und wie ich damit umgehe


"Der Kluge lernt aus allem und von jedem,

der Normale aus seinen Erfahrungen

und der Dumme weiß alles besser", wusste schon Sokrates. 

 

Ich gehöre zu den Normalen, die aus Erfahrungen lernen, wurde mir klar, als ich an jenem Vormittag gegen alle Regeln der Vernunft verstieß, nachdem ich eine sehr schlimme Nachricht bekommen hatte. Die Mitteilung zog mir - bildlich gesprochen - "den Boden unter den Füßen weg" und das, was ich in der nächsten Stunde tat, war irrational. Ich fuhr mit dem Wagen an einer Ticket Bezahlsäule mit offener Fahrertür rückwärts statt vorwärts, riss mir die Fahrertür ab und den Kotflügel gleich mit und bin heute froh, dass mein rechter Arm noch an mir "dranhängt", der zwischen Säule und Autotür geraten war. Ich weiß nicht warum es so geschah, aber es ist geschehen, als ich versuchte, mein Auto anzuhalten, welches gnadenlos mit eingelegtem Rückwärtsgang versuchte, mir den eingeklemmten Arm auszureißen.

Diejenigen, die alles besser wissen, werden den Kopf schütteln werden über so viel Unvernunft. Und so drückten auch jede Menge Besserwisser auf ihre Hupen, um mich zum Weiterfahren aufzufordern. Die nachfolgende Ärztin tat das nicht. Sie kuppelte meinen Rückwärtsgang aus, befreite mich aus meiner Zwangslage und untersuchte meinen Arm.

"Was passieren kann, wird auch passieren", sagte einer unserer größten Dichter zu seiner Zeit und ohne mein Fehlverhalten entschuldigen zu wollen bleibt mir die Erfahrung: Stress kann verheerende Auswirkungen haben.

Vor knapp 80 Jahren "lieh" sich der kanadische Professor Selye den physikalischen Begriff aus einem anderen Wissenschaftsbereich, um zu beschreiben, was in und an unserem Körper geschieht, wenn alle möglichen Einflüsse von außen auf ihn einwirken. Stress heißt das Wort und wurde später zum Modebegriff.

In den 1970 er Jahren las ich eines seiner Bücher, und einige seiner Erkenntnisse machte ich zum Fundament meiner eigenen Stresswahrnehmung- UND Bewältigung. Das erwies sich später als weitsichtig, denn von Stress - sowohl dem Gutem wie dem Schlechten - war mein Leben in der Geschäftswelt reichlich angefüllt. Das hat sich verändert, vor allem aber in andere Lebensbereiche verschoben. Doch die wichtigsten Regeln sind Allgemeingut. Dazu bedarf es keiner Wissenschaft. Man muss sich nur dran halten.

Eines meiner wirksamsten Mittel mit Stress umzugehen ist, sich in die Arbeit zu knien. Auch heute noch arbeite ich mindestens 8 Stunden am Tag, recherchiere an Ort und Stelle - oft weit weg von Zuhause - für geplante Vorträge oder Texte. Dann werte ich das Roh- und Bildmaterial aus - was viel Zeit verschlingt - und einiges davon stelle ich der Öffentlichkeit vor. Von meinen sonstigen  Verpflichtungen will ich gar nicht reden, denn sie sind in anderer Form nur die Fortsetzung des schon Erwähnten - nämlich Arbeit.

Aber anstatt durch diesen Arbeitsrhythmus belastet zu werden, blühe ich aus lauter Freude über das "Geschaffte" förmlich auf! Und wenn mich jemand fragen würde, ob das nicht im Widerspruch steht zu dem so oft gehörten Rat, sich mehr Muße zu gönnen, antworte ich: "Nein!" Schließlich war und ist Arbeit für mich nicht nur Verpflichtung, sondern Vergnügen. Komisch? Wieder Nein! Außerdem habe ich im Laufe meines Lebens gelernt, unerfreuliche Dinge zu vergessen nach dem Motto: "Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heit'ren Stunden nur!"

Es ist ja alles, mit dem wir konfrontiert werden, Stress. Manchmal positiv und manchmal negativ, aber Stress bleibt Stress. Die Muße oder eine Reise gehören auch dazu und deshalb entstehen - glaube ich - auch die vielen Missverständnisse über das, was Stress wirklich bedeutet. Beim Zahnarzt auf dem Stuhl zu sitzen ist zweifellos Stress. Aber das gilt auch für einen leidenschaftlichen Kuss zwischen Verliebten und erst recht für die erste Liebesnacht! Immerhin beschleunigt sich dabei der Puls, der Atem wird schneller und das Herz klopft bis zum Hals. Und ich kenne niemanden, der nur des Stresses wegen auf eine so angenehme Beschäftigung verzichten würde! Schon deshalb versuchte ich nie, Stress zu vermeiden - was auch nicht geht - aber  ich versuche, gegen negativen Stress vorzubeugen. Ein Baustein meiner "Vorsorgestrategie" besteht darin, unangenehme Sachen nicht vor sich her zu schieben. Erledigen heißt das Zauberwort. Erledigen, so schnell wie möglich. Man kommt sowieso nicht drum herum. Später, wenn alles halb vergessen ist, wird's noch  viel unangenehmer und dann kann's richtig weh tun.

Geht doch mal was schief - das passiert aller "Vorsorge" zum Trotz immer wieder - ist das alte Sprichwort - "Eine Nacht drüber schlafen" ein weiterer "Stress Bewältigungs Baustein." Kühlen Kopf bewahren und die Situation analysieren hat oberste Priorität. So, als wäre ich für einen  Außenstehenden tätig. Erst dann packe ich den Stier bei den Hörnern in der Gewissheit, mich gut vorbereitet zu haben.

Die schlimmste Form von Stress aber ist das Gefühl der Sinnlosigkeit im Dasein des täglichen Einerlei, der sich bei vielen Menschen immer mehr ausbreitet. Dagegen ist nur ein Kraut gewachsen: Sich Ziele setzen und sich dabei vergewissern, dass es die eigenen Ziele sind und nicht jene, die andere einem aufzwingen wollen. Das mündet in Arbeit, gleich welcher Richtung - klar - aber steckt dahinter zusätzlich das Bemühen, die Arbeit gut zu machen wird's auch gut und weil man's gern macht, wird's noch besser. Gutes wird immer anerkannt und erzeugt dadurch Zufriedenheit - und Stress!  Stress im positiven Sinne! 

 
 
 
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