Wolfgang Nieschalk
        "Wer handelt, kann Fehler machen. Wer nicht handelt, hat bereits einen Fehler gemacht."

Altweibersommer - ein Hauch von Herbst

"September. 

Die Stirn bekränzt mit roten Berberitzen

steht nun der Herbst am Stoppelfeld,
in klarer Luft die weißen Fäden blitzen,
in Gold und Purpur glüht die Welt."

So beschrieb Agnes Miegel diese Übergangszeit, in der wir noch "vorgestern" unter ermattender Hitze stöhnten. Dann fegte Ende August der erste Sturm übers Land und nach ihm klopfte der Herbst an unsere Türen. Er wird den ersehnten Regen bringen und mit großer Wahrscheinlichkeit den nächsten Sturm, denn der September ist die Zeit verheerender Wirbelstürme. In den Tropen vor der Westküste Afrikas geboren, ziehen sie über den Atlantik und fallen mit unfassbarer Gewalt über die Karibik und Ostküste der USA her. Davon berichten die Medien, aber nicht davon, dass das Leben dieser oft nordwärts ziehenden Stürme zäh ist. Treffen sie auf die nördlichen, arktischen Luftmassen, gewinnen sie ihre Bösartigkeit zurück und queren als vernichtendes Orkantief erneut den Atlantik. Nun aber treffen sie bei uns auf's Land und setzen ihr in der Karibik begonnenes Zerstörungswerk so lange fort, bis sie in der Nordpolarströmung vergehen. Ihre zwölftausend Kilometer entfernte Herkunft aber bleibt meist im Dunkel. Doch Meteorologen wissen, wo sie herkommen und auch Segler. Sie vermeiden es, auf ihrem Weg nach Süden im September die Biskaya zu queren. Es könnte ihr letzter Törn werden. Ich hielt mich immer daran, segelte im April oder benutzte die sicheren Flüsse und Kanäle zum Mittelmeer.

September ist auch der Beginn jener Jahreszeit, die uns mit Arbeit überhäuft. Das Kaminholz muss gestapelt werden, manche Bäume und Hecken geschnitten und die Gartenmöbel müssen in den Keller. Es wird ja doch nicht mehr wirklich warm bemerken wir, wenn wir uns in unsere Lieblingsecke setzen. Meine Dachrinne muss gereinigt werden. Unbedingt sogar, denn beim letzten Sturm strömte der Regen aus meinen Deckenlampen und durch die Windfangdecke. Dass ein Sturm nicht nur auf See, sondern auch vor der Haustür seine Tücken hat, erlebte ich schmerzhaft, als er mir mit einer Bö die zum Reinigen des Abflussrohres angelehnte Metall- Leiter auf den Kopf wehte. Ich ging zu Boden, sah aber die zwei dicken Beulen als Mahnung an, nie wieder bei Sturm auf ein Dach  klettern zu wollen.

Von seinen Launen abgesehen, ist der September ein friedlicher Monat. Und ein freigiebiger dazu. Noch nicht wirklich Herbst, aber auch kein Sommer mehr, hält er von allem etwas bereit. Es ist der Monat, in dem uns bewusst wird, dass der Sommer sich auf leisen Sohlen davon geschlichen und eine Abenddämmerung zurück gelassen hat, die nicht mehr lange und zögernd über den Gärten verweilt, sondern uns plötzlich und mit entschlossener Bestimmtheit jeden Tag früher das Tageslicht nimmt. Jetzt beginnt die Zeit der Zurückzahlens für den Überfluss an Helligkeit und Wärme, welche uns der Sommer bescherte. Jetzt sehnen wir uns schon wieder nach den wärmenden Strahlen der schwächer werdenden Sonne, vor deren sommerlicher Kraft ich oft in den Schutz des Hauses flüchtete. Schon reichen die Schatten der hohen, nachbarlichen Bäume an meine sommerliche Sitzecke heran. Von dort streift mein Blick über den noch blühenden Garten und beim Schauen fallen mir auch die letzten Zeilen des schon begonnen Gedichtes von Agnes Miegel wieder ein, die mit wenigen Sätzen das lyrisch ausdrücken, was ich sehe und was ich spüre:


"Ein reifer roter Apfel fällt zur Erde,
ein später Falter sich darüber wiegt —
ich fühle, wie ich still und ruhig werde,

und dieses Jahres Gram verfliegt."

 
 
 
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