Wolfgang Nieschalk
        "Wer handelt, kann Fehler machen. Wer nicht handelt, hat bereits einen Fehler gemacht."


 


Darüber wird niemals berichtet.

Was scheinbar wichtig ist, sind Sensationen, Katastrophen, Abschiedsreden von Politikern oder skrupellose Verbrechen. Auch, wenn Bayern München seinen Trainer entlässt. Sowas liest man. Das sieht man auf allen Kanälen so lange, bis man's nicht mehr sehen kann und froh ist, wenn neues "Scheinbar Wichtiges" das Alte ersetzt.

Über das aber, was wirklich zählt, wird niemals berichtet. Es sind die "stillen Dinge", die es nicht wert sind, erwähnt zu werden. Doch gerade sie sind -mehr als alle Sensationsmeldungen zusammen - die entscheidenden Ereignisse, die unser Leben formen.

Überall werden heute auf der Welt Chirurgen das Herz eines Patienten anhalten, dass vielleicht sechzig oder siebzig Jahre lang geschlagen hat. Sie werden ihm "Ersatzteile" einsetzen, anschließen und das Herz wieder zum Schlagen bringen. Damals, als diese Chirurgen noch Kinder waren, gehörten solche Leistungen noch in den Bereich der Science-fiction. Für mich heute noch ein Wunder, sind sie doch so selbstverständlich geworden, dass sie keine Zeile mehr wert sind.

Gleichzeitig werden sich heute jede Menge Menschen verlieben. Und nichts - keine Protestmärsche, keine Kriegsdrohungen wild gewordener Politiker, keine Massenhysterie von Menschen, die hin- und hergetrieben von Sensationsnachrichten täglich die Richtung wechseln, werden deren "Honigmond" vom Himmel holen. Die Verliebten werden weiter auf Wolken schweben und mit der Welt eins sein. Darüber wird niemand berichten.

Auch darüber nicht, wenn irgendwo ein Sechsjähriger zu verstehen beginnt, dass eins plus zwei drei ergibt. Vielleicht wird genau dieses Kind durch sein heutiges Verstehen später den Schlüssel zu einem Vorgang finden, zu dem wir Heutigen noch keinen Zugang haben. Doch wird das Kind in den Nachrichten erwähnt werden? Kaum - und sein Lehrer erst recht nicht und er auch dann nicht, wenn das Kind als Erwachsener den Nobelpreis bekommen sollte.

Garantiert wird heute irgendwo der gute Mitarbeiter eines Unternehmens erfahren, dass er nicht mehr gebraucht wird. Spätestens am Nachmittag wird er die Welt in neuem Licht sehen und sich Gedanken darüber machen, was der Sinn dahinter sein mag. Auch sein Schicksal wird nirgends veröffentlicht werden.

Viele Ehen werden heute enden. Vielleicht schauen sich Mann und Frau zum letzten Mal über den Frühstückstisch schweigend an und wissen doch, dass ihre Beziehung gestorben ist. Und für viele Kinder wird es schmerzvoll sein zu erfahren, dass "Papa" jetzt nicht mehr hier wohnt. Lesen wird niemand davon.

Ungezählte Kinder werden irgendwo ihren ersten Atemzug tun. Diesem größten Wunder des Lebens wird man - vielleicht - in irgend einer Zeitung doch drei magere Zeilen zugestehen.

Und im gleichen Augenblick werden Menschen sterben. Irgendjemand erledigt die Formalitäten und der Tod dieses Menschen wird auch in der Zeitung stehen. Wenn auch oft die Anzeige weniger über ihn selbst aussagt, als über die Hinterbliebenen.

Der heutige Tag wird das Leben vieler Menschen für immer verändern, das ist gewiss. Für niemanden wird das von Bedeutung sein außer einem kleinen Kreis Angehöriger. Menschen werden heiraten, von zuhause weglaufen, zum ersten Mal Schnecken in Kräuterbutter essen oder einen Berggipfel ersteigen.

Vollgestopft mit Ereignissen wird dieser Tag sein. Voller Leidenschaften, voll schmerzlichem Versagen oder himmelhoch jauchzender Freude. Aber nichts ist dabei, was eine Schlagzeile werden könnte. 


Dennoch: Die "stillen Ereignisse" sind die wirklich Wichtigen unseres Lebens. 

 
 
 
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