Wolfgang Nieschalk
        "Wer handelt, kann Fehler machen. Wer nicht handelt, hat bereits einen Fehler gemacht."

Karla Kühn mit Neuigkeiten

Worte von Voltair: 

Das erste Gesetz der Freundschaft lautet, dass sie gepflegt werden muss. Das zweite lautet: Sei nachsichtig, wenn das Erste verletzt wurde. 

                                                                                                                     

Der Brief an die Freundin

Zum dritten oder war es schon das vierte Mal, dass Liane am Fenster sitzend den Brief, den sie nach einem Treffen mit der Freundin an sie verfasst hatte, kritisch las. Sie zweifelte immer wieder, ob sie ihn frankieren und anschließend in den Briefkasten werfen, oder mit ihren schmal gewordenen Fingern einfach zerreißen und in den Papierkorb werfen sollte. Sie polierte die Gläser der Lesebrille, schob diese auf die Nase und las erneut den von ihr verfassten Text:

 

„Liebe alte Freundin Regine,

sehr lange und immer wieder habe ich über den Inhalt meines Briefes, den ich an Dich sende, nachgedacht. Ich brauchte Zeit für die Überlegung, ob ich ihn der Post übergeben sollte. Würde ich den Brief morgen früh einwerfen, würdest Du ihn am nächsten Tag in den Händen halten und ich sehe bildlich vor meinen Augen, wie Du das Papier mit dem zarten Blumenmuster an den Rändern in der Hand haltend auf deinem breiten Sessel sitzend lesen wirst. Deine Stirn wird zu den bereits vorhandenen winzigen Fältchen noch ein paar zweifelnde und nachdenkliche dazu bekommen. Die Augen mit dem zartem Knitter rechts und links der Schläfen, die graugrünen Augen, welche noch keine Brille zum scharf auf das Lesematerial blickend brauchen, wirst Du vielleicht zweifelnd an die Decke deines Wohnzimmers aufschlagen und folgendes denken: Mein Güte, was teilt  mir Liane gerade wieder mit?“

Liane unterbrach das Lesen des Schreibens und blickt nachdenklich aus dem Fenster. Sie fuhr sich durch das krause kurzgeschnittene silberne Haar und murmelt leise: Ich hoffe, liebe Regine, dass Du zwischen den Zeilen meine Gedanken an Dich errätst. Ich hoffe sehr darauf. Die nachdenkliche Frau las den Brief, den sie ihrer

Freundin senden wollte, weiter.

„Meine Liebe, wir beide waren keine Schulfreundinnen, an verschiedenen Orten trugen wir die Zuckertüte in unseren Armen aus den Schulgebäuden, nie stolzierten wir im Backfischalter, heute Teenager genannt, mit Miniröckchen bekleidet gemeinsam Arm in Arm ins Kino oder zum Tanz, und nie genossen wir miteinander die schmachtenden Blicke der Jungen. Nein, wir begegneten uns viel später, wir waren bereits verheiratet und hatten Nachwuchs.

Ihr wohntet noch nicht lange in unserem kleinen Ort. Bekannte hattest Du damals noch nicht. Du und dein Mann hattet von der Firma deines Mannes eine Neubauwohnung in unserem Dorf bekommen.

Wie so vielen Mütter, die zum Lebensunterhalt mit beitragen mussten, brachten wir unsere Kinder morgens in den Kindergarten. Wir waren Kolleginnen und saßen uns an zwei von Holzwürmern durchlöcherten alten Schreibtischen in einer Firma im Ort gegenüber. Hauspantoffeln, Latschen nannten wir sie, wurden aus wärmenden Filz maßgerecht zugeschnitten, gefertigt und versandt.

Wenn du Erledigungen in der nahe gelegenen Stadt vornehmen musstest oder Arzttermine hattest, vertrautest Du mir Deinen kleinen Jungen an. Eine Oma gab es nicht, nur mich, die Liane.

Wir wurden Freundinnen und gingen gemeinsam mit unseren Männern zum Tanz, besuchten uns und saßen an warmen Sommerabenden in unseren gepflegten Schrebergärten beim Grillen, kühlen Getränken und interessanten Gesprächen. Bis spät in die Nacht redeten und lachten wir gemeinsam. Vom kühlen zarten Licht des Mondes begleitet, einer unbeschwerten Stimmung hingegeben und nach der Musik aus dem Kassettenrecorder tanzten wir auf den harten Betonplatten, die vor der kleinen Laube ausgelegt waren. Du wirst meiner Meinung sein, dass wir diese gemeinsame Zeit nie vermissen möchten. Es gab auch Monate, in der ich Dich auffing, Dir half über eine schwere Ehekrise hinwegzukommen, wir redeten. Regine, die Ehekrise habt ihr überwunden. Du hattest den Kampf gegen die andere Frau, die Geliebte deines Mannes gewonnen.

Es gab eine Veränderung in unserer Gemeinsamkeit. Wir verließen den Heimatort, einen großen Teil der Familie, die mit uns eng

Karla Kühn – Der Brief an die Freundin

vertrauten Freunde und Bekannte. Das war nicht einfach, aber es gab für meinen Mann und mich berufliche Gründe diesen Schritt zu tun.

Wie sehr wir, du meine liebe Freundin und dein Mann, miteinander verbunden sind, zeigt, dass wir uns regelmäßig einmal im Jahr für ein paar Tage im Gebirge, welches in der Mitte unserer Heimat liegt, treffen. Wir unternehmen Wanderungen, sitzen an den Abenden bei einem guten Essen, Wein und Bier, und gemeinsamen Karten- oder Brettspielen, lachen und diskutieren oft auch heftig über die Politik des Landes, über die deutsche Vergangenheit und ihr übtet Kritik an uns, weil wir euch verlassen hatten. Und doch gab es immer wieder viel Verständnis für das Leben eines jeden von uns. Diese Jahre, meine Liebe, hat unsere Freundschaft geprägt und gefestigt. Nun sind wir ins Alter gekommen und vielleicht auch dünnhäutiger geworden. Kritiken kann man in jüngeren Jahren besser wegstecken oder verkraften. Bist Du auch meiner Meinung?

Und nun komm ich endlich zum Grund, warum ich Dir dies alles so ausführlich schreibe:

Den verdienten Ruhestand im Rentenalter wollte ich nicht akzeptieren. Noch nicht. Ich fand ein Hobby. Ich erzählte Dir, dass ich mich einer kleinen Gruppe von der Literatur begeisterten Menschen anschloss. Geschichten, Erzählungen, für der Literatur nicht verbundene nichts Erhebendes. Ich schrieb die Gedanken auf, die mir so einfielen und wie ein Spuk im Gehirn auftauchten.

Zwei, oder waren es drei meiner Geschichten steckte ich vor längerer Zeit in den Briefumschlag und sendete sie Dir. Ich sehnte mich nach Deiner ehrlichen Meinung, Du merkst, ich wollte Dich in mein Schaffen mit einbeziehen. Leider gab es von Dir weder eine Kritik, noch eine positive Nachricht, ein Mail erreichte mich: Hallo Liane, wie kommst Du denn auf solche Gedanken? Mir würde all so etwas nicht einfallen.' 






Der Liebe kann kein Zwang angelegt werden, die Liebe kommt und die Liebe geht. Wohl dem, dem es gelingt, ein Leben lang sie festzuhalten


Der Atlantik


Endlich waren sie am Ziel der Urlaubsreise angekommen. Für Portugal hatte er sich entschieden, dort, davon war er überzeugt, wäre die Küste am Atlantik besonders interessant, skurril mit dem steil zum Wasser abfallenden Felsen, und denen, welche ihre  spitzen Kuppen aus dem blauen in der Sonne glänzendem Wasser bizarr herausstreckten.

Es gab die schmalen Sandstrände zum Ruhen, Schwimmen im Meer, Wanderungen auf den schmalen Wegen, welche auf den Höhen entlang des Ozeans führten  und noch vieles mehr erwartete das Ehepaar, welche eine Woche Gemeinsamkeit für Gespräche über ihre für beide spürbar gescheiterte Ehe nutzen wollte. Die Kinder waren schon seit längerer Zeit aus dem Haus ausgezogen. Dafür war der Alltag eingezogen und hatte sie rigoros überwältigt. Sie pflegte am Wochenende das Haus, den Garten und er gab sich seinen Interessen hin. Streitereien oder Sprachlosigkeit waren an der Tagesordnung. Sie hatte im Fitnessstudio einen Mann kennen gelernt. In den Pausen zwischen dem Training sprachen sie oft miteinander. Er war nie aufdringlich, er war sehr höflich und lachte sie mit seinen tiefblauen Augen an. Sie gab zu, dass er ihr gefiel, sie freute sich auf jedes Wiedersehen mit ihm. Und ihr Mann, der Gedanke an ihn, ließ Fragen aufkommen.

Das Ehepaar litt unter den täglichen Auseinandersetzungen. Der Ehemann glaubte seine Frau noch immer zu lieben. Diese Tage an der Atlantikküste sollte ein letzter Rettungsversuch, ein Neuanfang für die Ehe sein, und sie war einverstanden, diese Reise mit ihm zu unternehmen. Man könnte daraus schließen, dass auch sie noch  Zweifel über eine Trennung von ihm hatte.

Nach Ankunft im Hotel am Santa Anna Strand in Portugal entnahmen sie den Koffern nur das Nötigste, kramten nach den Utensilien, welche  sie für einen Strandgang benötigten. Unbedingt und voller Erwartung wollten sie an diesem sehr heißen Nachmittag die Küste  kennen lernen. Decke, Sonnenschirm, Handtücher, Wasserflaschen wurden  im Rucksack und in der großen bunten Badetasche verstaut. Die Sonne brannte unbarmherzig vom wolkenlosen Himmel herab. Sie schwitzten, sie schnauften und hofften endlich am Rand der Klippe angekommen, den unten liegenden Strand  zu erreichen. Unebene  Stufen waren in die Felsenwand eingelassen und sie kletterten hinab und blickten am Ziel angekommen auf einen schmalen beengend wirkenden Sandstrand.  Auf der letzten Stufe der Treppe stehend ergriff er ihre Hand, seine Augen suchten die ihren, sie blickte zur Seite, sie wich seinem fragenden und fordernden Blick aus. 

Sie waren die einzigen Badegäste, erklären würde das der heutige Abreise- bzw. Anreisetag. Die neu angekommenen Urlauber würden sich wohl erst eine Pause nach dem Flug gönnen, um am nächsten Morgen ihr Urlaubsgebiet zu erkunden. Dicht am Felsen legte er die Decke aus, mit lässiger Handbewegung schmiss er die Handtücher darauf. Die gesamte Bekleidung, die er trug,  ließ er  vom Körper abfallen. Splitternackt glitt er auf die Decke, räkelte sich lässig und verschränkte die Arme auf dem untergeschobenen Handtuch hinter dem Kopf,  schon im Halbschlaf begriffen raunte er seiner Gattin zu: „Schatz, ich bin dann mal weg, du weißt, wie ich das meine, du wirst bestimmt zum Buch greifen, es liegt ganz unten in der Badetasche.“ Ihr Blick glitt über seinen Körper. Ein sportlich durchtrainierter Körper bot sich ihren Augen. Wann hatte sie ihn den das letzte Mal so nackt gesehen? Warum hatten sie sich so voneinander entfernt? Er hatte sie bestimmt nie betrogen, sie ihn auch nicht. Beide waren auseinander geglitten, wie konnte man das schildern? 

Sie wollte in diesem Moment nicht darüber nachdenken. Alles wird gut, er wird sich ausruhen, sie entschied  sich nicht zum Buch zu greifen, sie wird mit ihrem neu erworbenen Bikini endlich ins kühle Wasser steigen. Auf den Zehenspitzen, um den kleinen hartkantigen Muscheln auszuweichen, lief sie zum Meer und sah verzückt auf die  gurgelnden Wellen, welche sich spielerisch im ständigen auf und ab um die vom Wasser abgerundeten Steine bewegten.

Das Ehepaar hatte sich keine Zeit genommen, um den Hinweis im Hotel für die Angaben der Gezeiten wahr zunehmen. Jetzt war der Zeitpunkt des landeinwärts fließenden Wassers gekommen, dessen schleckende Wellen Besitz ergreifend den schmalen Strand eroberten, einnahmen und irgendwann am späten Nachmittag überschwemmten. Für das Auge des Beschauers war dies ein immer wieder wunderbares Naturereignis.  

Glucksend, in der Sonne glänzend und völlig harmlos scheinend gurgelte das Salzwasser an die Küste. Endlich spürte sie die wohltuende Abkühlung von den Füßen nach oben in den Körper steigen und es kam ihr vor, als würde sie losgelöst von den täglichen Problemen im Ozean abtauchen können. So verschwitzt und ermüdet nach dem langen Flug sollte es Erholung bringen. Sie rannte und sprang über die spritzenden Wellen bis  das kühlende wirbelnde Wasser ihr bis zur Brust reichte. Sie spürte den  Sog, welcher vom Rückfluss der Strömung ihre Füße vom Sandboden wegdrückte. Die Wellen wurden immer heftiger, Schaumkronen lagen darauf und der Rücklauf der Strömung vom Strand her kommend wurde immer heftiger spürbar. Wie im Taumel ignorierte sie es, übermütig  schwamm sie in die entgegenkommenden, sich aufbauenden Wasserburgen. Den Grund unter ihren Füßen hatte sie schon längst verloren, die hohen Wellen schlugen  über ihrem Kopf zusammen, sie sog zur Oberfläche auftauchend die Luft ein, die Welle erwischte sie erneut, sie tauchte unter und schluckte die salzige Brühe. 

Das Auftauchen war nur kurz, dann wieder befand sie sich unter der Wasseroberfläche, dröhnende Geräusche erklangen in den Ohren. Was soll das? Ihre Gedanken flogen, nein, sie war  kein  Schwächling.  Energisch und kraftvoll schwamm sie nach erneutem Auftauchen, es war das vierte oder fünfte Mal gewesen, nach vorn dem Strand entgegen. Immer wieder mit kräftigen Bewegungen, Luft schöpfend, abtauchend, gurgelnd und Salzwasser spuckend, immer wieder nur nach vorn. Wie ins Feuer getaucht brannten die Augen vom salzhaltigen Wasser des Atlantiks. Sie nahm den Schmerz in Kauf,  der  war im Moment nicht wichtig, Hauptsache sie würde es schaffen, den Strand zu erreichen, und wieder Boden unter den Füßen verspüren. Prustend, erschöpft und am Ende ihrer Kräfte kroch sie auf  Knien und den Ellenbogen gestützt an das endlich erreichte Ufer. Der Strand war zu diesem Zeitpunkt zu einem schmalen Band zusammengeschrumpft.

Die Decke vor dem Felsen, auf der ihr Mann immer noch dösend ausgestreckt lag, hatte das Meer noch nicht erreicht. Müde nahm sie ihr Handtuch und schaut auf ihn. In diesem Moment blickte er sie mit schmalen verschlafenen Augen an: „Oha, du bist ja ganz nass,  warst du etwa schwimmen, hattest du Spaß im Wasser? Ich gehe da jetzt nicht mehr rein, ich habe Hunger“

Waren es diese lässig ausgesprochenen Worte, welche kein Interesse an sie erwecken ließ, war es dieser verschlafene, kraftlose Blick, mit dem er sie ansah? Plötzlich überkam sie eine innere Leere. Was wollte sie hier, was hatte sie sich erhofft? Sie war doch schon lange weit weg von ihm, ihrem angetrauten Mann. In diesem Moment wurde ihr bewusst, wie ihr Leben nach dem Urlaub  weiter verlaufen würde.


Und - was glauben Sie, wie sie sich entschieden hat?

 

 

 
 
 
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