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Neu: Mein altes Boot.


"Wartungsfrei" - heißt das Versprechen, mit dem heutzutage geworben wird. Nicht mehr renovieren, nicht anstreichen, nicht warten müssen, dafür sorglos nutzen ist Trend, und das Wort "reparieren" wird von der Werbeindustrie ganz vermieden. Telefone, Drucker und Fernseher sind nur einige Beispiele für das, was "in der Tonne" landet, weil eine Wartung nicht vorgesehen ist.

Vor 14 Jahren Jahr verkaufte mein Nachbar sein altes Holzboot und legte sich ein Kunststoffboot zu. Das alte Boot war undicht, weil das Holz rissig war und es war nur deshalb rissig, weil es kaum gepflegt wurde. Das neue Boot war ein wartungsfreies Prachtstücke, das alle Blicke auf sich zog. Mein Nachbar war euphorisch und bedauerte mich - ich glaube sogar, er meinte es ehrlich - weil ich jedes Jahr viel zu viel Zeit in mein 36 Jahre altes, wartungsintensives Stahlboot investierte und das nur, um es "in Schuss" zu halten.

Sechs Jahre später gefror seine Euphorie zu einem starren Lächeln, weil sein Boot weniger wartungsfrei war, wie die Werbung versprach. Der Kunststoff war, zuerst schleichend, später immer deutlicher sichtbar, gelb geworden und irgendwann verschwand das Boot vom Steg. Im Frühjahr darauf lag es wieder nebenan, strahlte frisch lackiert und fast sah aus wie neu. Nur der Nachbar strahlte nicht. "Mir geht die ständige Arbeit auf die Nerven", gestand er, "und ich verstehe nicht, warum du Spaß daran hast, immer wieder von vorn anzufangen, wenn du hinten gerade fertig geworden bist!"

Mein Nachbar verstand tatsächlich nicht, was mir Spaß machte. Ihm fehlte die Beziehung zu  Booten. Wenn mein altes, selbstgebautes  Stahlboot mit glänzenden Beschlägen und leuchtendem Rumpf aus dem Winterlager ins Wasser gleitet, macht mich sein Anblick ganz närrisch vor Freude. Sicher habe ich ein anderes Verhältnis zum "Selbstbau", der Jahre meiner Freizeit verschlang, als zu einem der Gesichts- und leblosen Boote "die von der Stange" kommen. Solche Boote bleiben ihren Eignern oft fremd, weil sie "keinen inneren Charakter" haben und bei solchen Booten bedeutet Wartung immer freudlose Arbeit.

Trotz aller Pflege verändert sich jeder Gegenstand mit der Zeit, nicht nur Boote. Das ist normal. Wir selbst verändern uns ja auch. So, wie wir selbst in Würde versuchen zu altern, indem wir die Falten des Alters glätten und unsere Schwachstellen unauffällig ausbessern, sollten wir auch bei manchen "liebgewonnenen" Gegenständen handeln. Aber das gilt nicht bei den allgegenwärtigen, alterslosen, "wartungsfreien Teilen", die ihre Besitzer so lange unpersönlich anstarren, bis sie ohne Vorwarnung aufhören zu funktionieren. Sie gehören zu Recht "in die Tonne."

Für mich bedeutet Instandhalten Freude - nicht nur an Booten! Auch Gärten oder Gebäude und vieles andere zählt dazu. Vielen Leuten, die ich kenne, ergeht es ähnlich. Und so fühle ich mich dem Menschentyp stark verbunden, der im Verschönerungs- und Reparaturhandwerk tätig ist. Wenn ich beim Schuster bin, und ihm erkläre, wo "der Schuh drückt", stehe ich einem freundlichem, verständnisvollen Mann gegenüber, der genau weiß, was ich will. Und noch während er die Arbeit ausführt, bekomme ich jede Menge gesunder Ansichten über die gegenwärtige Weltlage zu hören.

Man kann alles neu herstellen und das Alte als Rohstoff verwerten. Das ist gut so. Aber einiges von dem, was mit uns in Würde gealtert ist, behält man schon deshalb, weil es - regelmäßig gewartet - noch lange durchhalten wird. Vielleicht sogar länger, als wir selbst.  


Vatertage, mal anders betrachtet...


Vor sehr langer Zeit lebte ein kleiner Junge in einem Fachwerkhaus, das zu einem großen Bauernhof gehörte und mit seinem spitzen Dach die übrigen Häuser und sogar den Taubenschlag des Hauses überragte. Ganz oben, zwischen verwitterten Dachsparren - über dem Taubenschlag - befand sich eine Zwischendecke aus Holzbrettern, die mit Lehm und Stroh verfugt war. Die Luke darin war nur mit einer langen Leiter zu erreichen. Nur selten kamen Kinder dorthin, aber zu der Luke hinauf mit den Spinnweben, die wie graue Bärte an der Decke hingen, kletterten sie nie. An einem Sommertag stieg ein Mann auf den Taubenschlag und warf einen Blick nach oben zur Luke. "Von da aus muss man eine herrliche Aussicht haben", sagte er zu dem ihn begleitenden Jungen. "Wollen wir?"

Dem Kleinen klopfte das Herz vor Aufregung. Gewissenhaft prüfte der Mann die wacklige Leiter und nickte. "Es geht. Du zuerst", sagte er, "ich bleibe hinter dir." 

Hinauf ging's in ein geheimnisvolles Halbdunkel. Hinauf in eine fremde, hinter der Luke verborgene Welt, die bei dem Jungen Beklemmung und zugleich auch beseligende Erwartung auslöste. Hinauf! Dorthin, wo die verwitterten Balken den Geruch alten Holzes ausstrahlten. Hinauf! So lange, bis der Junge mit dem Kopf an die Luke stieß und einen Moment angstvoll dem durch die Erschütterung nach unten fallenden Lehm nachstarrte. Der Mann griff an dem Jungen vorbei und drückte den Lukendeckel beiseite und in die geblendeten Augen des Kleinen flutete durch zwei fehlende Fensterscheiben das Bild einer nie zuvor gesehenen Welt.

Unter ihm lag der sonst so groß wirkende, gepflasterte Hof, merkwürdig fremd nun und geschrumpft und übersichtlich angelegt, was er von unten gar nicht bemerkt hatte und auch der riesige Misthaufen vor dem Kuhstall mit den weißen, winzig erscheinenden Hühnern auf ihm erschien plötzlich längst nicht mehr so massig, wie er am Boden aussah. Merkwürdig verkürzt - wie in einer verkehrten Welt - erschien das gemauerte Halbrund des alten Brunnens auf dem Hof und - noch seltsamer - die Rücken der anfliegenden Tauben unter ihm am Taubenschlag.

Weit weg, hinter dem Brunnen und noch hinter den angrenzenden Gärten war neben dem Schloss mit seinem Schlosspark - klein, in der Sonne gleißend - der Schlossteich zu sehen. Und auch der "Räuberpfad" der Kinder um den Teich herum war sichtbar, und glich aus der Entfernung einem in der Hitze flimmernden, gewundenen, gelblichen Strich.

Dies alles erfasste der Junge im schützenden Arm des Mannes mit einem Blick. Dieser so plötzlich ins Weite ausgedehnte Gesichtskreis wirkte so heftig auf ihn, dass im selben Augenblick die Welt seiner Kindheit - um eine neue Dimension bereichert - eine tiefgreifende Wandlung erfuhr.

Jahrzehnte sind seitdem vergangen. Viele der kleinen Freuden und Leiden der Kindheit sind aus meinem Gedächtnis verschwunden. Jenes Erlebnis aber steht immer noch so lebendig in meiner Erinnerung, als wäre es erst gestern gewesen. Diese Erinnerung kommt meist dann zurück, wenn der sogenannte Vatertag näher rückt. Doch ein wirklicher Vatertag hat mit dem, was manchmal darunter verstanden wird, nichts zu tun. Solche Vatertage sind nicht kalenderbestimmt und leben verborgen in der Erinnerung eines glücklichen Kindes oder zurück denkenden Erwachsenen an jenen Tag, an dem ein Funke zwischen den Generationen übersprang.

Mein Großvater - der für mich Vater war - ist schon lange tot. Er, der mir die Luke über dem Taubenstall zu einer neuen Welt aufschob, hat unschätzbar wertvolle Erinnerungen gemeinsamen Erlebens hinterlassen. Er schärfte meinen Sinn für die kleinen Dinge des Daseins ebenso wie die Erkenntnis, dass mit jeder perspektivischen Veränderung auch die Welt ein bisschen anders wahrgenommen wird.

 

 

 

Eine fast vergessene Kunst - der Brief

 

Der letzte Brief dieses Jahres war ein Leserbrief. Er kam mit der "Deutschen Schneckenpost." Ich habe ihn gut weggeheftet und bewahre ihn als etwas Besonderes, als selten gewordenes Juwel auf.

Mit E-Mails gehe ich anders. Sie sind "Massenware." Ihre Informationen sind meist knapp und sachbezogen. Mails sind so getrimmt worden, bis sie "stimmen." Bis auch der letzte Rest menschlicher Wärme der Sachlichkeit zum Opfer gefallen ist. Ich weiß, Mails haben ihre guten, schnellen, unkomplizierten Seiten - Trotzdem, ich mag sie nicht wirklich.

Ihnen fehlt, was den "richtigen", den handgeschriebenen Brief auszeichnet: Das Leben, das ihn erfüllt. Menschliches Leben. Nur der handgeschriebene Brief lässt das Denken und Fühlen eines anderen in-  und oft auch zwischen den Zeilen - erkennbar machen. Seine überlegt gesetzten Zeilen lassen uns nachdenken über das, was der Absender versucht, uns zu sagen. Und "irgendwie" - ich weiß nicht WIE - spiegelt sich das Gedachte des Schreibenden dann im Charakter des Geschriebenen wieder.

Oft sieht man dem wirklichen Brief an, dass der Verfasser sich Gedanken darüber gemacht hat, was er uns mitteilen wollte. Geschrieben ist geschrieben, mag er gedacht haben und auch, dass "Verbessertes" schlecht aussieht. Tut es das? Nein, im Gegenteil! Gerade das Verbesserte, das Durchgestrichene, das nachträglich auf die Ränder Geschriebene beweist mir als Empfänger durch die Einfachheit, dass es dem Absender wichtig war, etwas noch klarer darzustellen. Durchgestrichen, drunter geschrieben, eingefügt - lebendiger geht es ja gar nicht, und solche Briefe werden für mich zu den einzigartigsten Dokumenten menschlichen Denkens und Mitteilens überhaupt.

Menschliche Verbundenheit strahlt ein echter Brief schon in dem Moment aus, wenn der Empfänger den Briefkasten öffnet, den Umschlag zwischen der Flut von Werbung als etwas Besonderes, Persönliches wahrnimmt, ihn in die Hand nimmt, betrachtet, auf den Absender schaut und das Wesen des dahinter stehenden Menschen zu erfühlen beginnt. Des Menschen, der einen Teil seiner Lebenszeit dem Empfänger gewidmet hat, um ihm mit seinem "Handgeschriebenem" auf seine ureigene, selten gewordene Art, Mitteilung zu machen.  

Warum wird nur noch so selten geschrieben? Ist es die Angst des Absenders vor dem leeren Blatt? Ist es unbequem, Gedachtes auf's Papier zu formen anstatt in den PC zu tippen? Ist "Handgemachtes" zu langsam, zu zeitraubend? Oder fehlt nur die Briefmarke? Ist es das mächtige Telefon, dass uns vom Briefeschreiben abhält, dessen gesprochenes Wort aber oft schon vergessen ist, bevor der Hörer wieder aufgelegt wurde?

Ich glaube, alles trifft zu. Es ist die Gesellschaft selbst, die in unserer sich immer verrückter drehenden Welt mit ihrem Zwang zu Zeitersparnis und sich so von selbst einstellender Oberflächlichkeit den langsamen, aber inhaltlich mit nichts zu vergleichenden Brief zur Seltenheit macht.

Ich telefoniere viel. Doch kein Gespräch kann sich mit dem Zauber eines handgeschriebenen Briefes messen, den dieser schon vor dem Öffnen ausstrahlt. Ein Dokument, das ich, so wie ein Buch, immer wieder in die Hand nehmen und in ihm lesen und deuten kann. Die Weihnachtszeit bietet sich an, gedanklich Vorgeformtes handgeschrieben zur Vollendung zu bringen. Das, einem Umschlag anvertraut und einem Geschenkpäckchen nicht unähnlich, dem Empfänger beim Öffnen des Briefkastens das gleiche Kribbeln bescheren wird, welches Kinder beim Erscheinen des Nikolaus spüren.

 

 

Wenige Worte über das Zuviel von allem

Schon in jungen Jahren fing ich damit an, immer mehr Zeug um mich herum anzusammeln. Zuerst war es ein Fotoapparat, den ich in den Ruhestand schickte, weil ein Modernerer her musste.
Seitdem fanden immer mehr Sachen in immer schnellerem Wechsel den Weg über mich auf den Dachboden. Auch Sachen, von denen ich früher behauptet hatte, „so was brauche ich nie.“ Ein grandioser Irrtum, denn ich brauchte alles, was der Markt hergab.
Der ausgemusterte Fotoapparat aber - ein viereckiger, schwarzer Kasten von Agfa - symbolisierte den bescheidenen Anfang vom späteren Zuviel.
Damals häufte ich an, weil ich glaubte, beiseite gestellte Dinge oder Kleidungsstücke noch mal brauchen zu können. Später lernte ich, Abgestelltes wird nie mehr gebraucht - und trotzdem häufe ich immer noch an! Mehr noch als früher und es werden immer größere Sachen. Möbel zum Beispiel. Doch noch früher, noch vor der Sache mit dem schon erwähnten Fotoapparat, gab es eine Zeit, da gab's nichts zum Anhäufen. Nicht mal Geld.

Es fing ja auch alles so klein an mit dem Überfluss. Vor der Zeit des Zuviel war alles umgekehrt. Da hatte man von allem Zuwenig! Zuwenig zum Essen, zu wenig Schuhe, zu wenig Kanalisation, zu wenig Badezimmer, zu wenig Bildungsmöglichkeiten, zu wenig Wohnraum, viel zuviel von dem überall sichtbaren Zuwenig.

Es ist ein Urtrieb, der uns antreibt, den Zustand des Zuwenig so schnell wie möglich zu beheben und ins Gegenteil zu verkehren. Dieser genetisch bedingte Drang stammt noch aus der Urzeit, denn schon unsere höhlenbewohnenden Vorfahren beherrschten das Sammeln, wenn es auch eher ihrer Ernährung diente. Unsere Urväter wurden höchstens 30 oder 35 Jahre alt und deshalb blieb ihnen nicht so viel Zeit zum Sammeln wie uns und nur wenig ist erhalten.

Doch ihre Gene gaben sie an uns weiter und so bin ich nicht allein mit meinem Aufbewahrungs- Urtrieb, denn wir alle stammen von den Urmenschen ab! Das tröstet mich. Die ganze Gesellschaft sammelt, aber wird älter als die Neandertaler und häuft entsprechend mehr an. Deshalb wurde die Sperrmüllabfuhr erfunden. Sie gibt es, seitdem das „Zuviel von allem“ uns zu ersticken drohte, weil uns die Berge des Zuviel über die Köpfe wuchsen. Einzimmerwohnungen sind schlecht zum ansammeln von Zuviel. Mehrzimmerwohnungen sind viel besser geeignet, weil sie aufnahmefähiger sind. In ihnen findet sich immer ein Plätzchen für den, der sucht. Bestens zum Füllen geeignet sind Häuser, Gartenhäuser und Garagen - nur noch übertroffen von Schlössern. Es ist unglaublich, wie schnell ein Gebäude voll ist. Sofas, Tische, Betten, Wäsche und Schränke fast ohne Ende finden darin Platz. Wären die Schränke endlos, wären sie auch endlos voll. Kommoden helfen auch nicht weiter. In ihnen ruht das, was selten gebraucht wird. Das gute Geschirr zum Beispiel für den vornehmen Besuch. Oder die zerbrechlichen Rotweingläser, die schon seit 26 Jahren auf Gäste warten. Oder die erste Aussteuer. Bettbezüge, die man heute nicht mehr hat und ganz unten im letzten Fach die Handtücher, die kratzen oder unmodern geworden sind. Und dann das Zuviel an Videorecordern, Telefonen, Fernsehern, Schrauben, Büchern, Kinderspielzeug, Kerzenhalter...unmöglich, das alles aufzuzählen, was wirklich Zuviel von allem da ist.

Kann dieses Zuviel eigentlich gestoppt werden?

Nein - mit einer Ausnahme. Nur durch Zuwenig. Durch Geldmangel. Alles andere muss versagen, weil die in uns wirkenden Gene des Neandertalers uns unaufhörlich dazu antreiben, das Zuwenig in Zuviel zu verwandeln.
Aber nun bitte ich Sie, mich zu entschuldigen. Ich muss zum Ende kommen und hätte es bei meinen Überlegungen beinahe vergessen. Ich brauche noch heute einen neuen Computer Bildschirm. Der Alte funktioniert noch, aber ich muß was Modernes haben. Einen Bildschirm, mit dem ich mich bei Besuchern sehen lassen kann. Aber nun  glauben sie nicht, den Alten werfe ich weg. Den stelle ich als Reserve auf den Dachboden - ich könnte ihn ja noch mal gebrauchen.

Aber erst mal muss ich mal Platz dort oben schaffen, weil schon so viele Reserven dort oben stehen.

Verstehen Sie meine Eile?

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Erfahrungen aus 70 Jahren Leben

 


Meine einsamen Wanderungen, die ich oft im Dunkel des Abends mache, dienen nicht nur der Fitness, sie entschlacken auch den Kopf. Die Gedanken "entknoten" sich dabei und es werden Zusammenhänge erkennbar, die von der Informationslawine am Tage einfach zugeschüttet werden.

Neulich lief ich unter dem silbernen Band der Milchstraße ein Stück jenes Feldweges entlang, auf dem ich vor 40 Jahren meinen Kindern das Radfahren beigebracht hatte. Ich blieb stehen und mir war, als wären seit damals nur wenige Tage vergangen. Illusion, natürlich. Doch die Jahrzehnte hatten ihre Spuren an- und in mir hinterlassen und Erkenntnisse entstehen lassen, die damals, als ich neben den radelnden Kindern herlief, noch nicht vorhanden waren. Während vor meinem inneren Auge das blutende Knie meines Sohnes wieder lebendig wurde, zog ich schnell mein Notizbuch aus der Tasche, um einige meiner flüchtigen Gedanken im Licht meiner Taschenlampe aufzuschreiben. Doch der Bleistift war abgebrochen und so schrieb ich, wie Kinder das auch tun, die wichtigsten "Merkworte" mit einem Stein auf den Asphalt.

Erkenntnis 1: Es gibt fast immer eine Lösung für ein Problem. Ein abgebrochener Bleistift ist kein Grund, etwas Wichtiges NICHT aufzuschreiben!

Erkenntnis 2: Der schwierigste Teil der Kindererziehung ist, ihnen das Radfahren beizubringen. Als Vater kann man dabei entweder neben dem Rad herlaufen oder stehen bleiben und Anweisungen rufen, während das Kind umfällt und sich das Knie aufschlägt. Jedes Kind, das die ersten Fahrtversuche macht, braucht sowohl Unterstützung als auch Bewegungsfreiheit. Doch die Erkenntnis, dass ein Kind beides sein Leben lang brauchen wird, wird einem jungen Vater erst im Alter wirklich klar.

Erkenntnis 3: Kinder kann man nie zu gut behandeln. Sie missraten, wenn man sich zu wenig um sie kümmert. Und man verdirbt sie sich, wenn man zu streng mit ihnen umgeht. Nie aber missraten sie durch Herzlichkeit, Freundlichkeit und Liebe.

Erkenntnis 4: Das, was für die Kinder gilt, gilt im besonderen Maße auch für die Mutter dieser Kinder. Auch sie kann verderben, wenn man sich zu wenig um sie kümmert.

Erkenntnis 5: Hat man den Weitblick zu erkennen, dass Kinder ihr eigenes Leben leben müssen und dass sie aus dem Haus gehen, wenn die Zeit dafür gekommen ist - hat man sie fürs ganze Leben gewonnen. Eltern, die das als natürlich ansehen, bekommen ihre erwachsenen Kinder später oft zu sehen.

Erkenntnis 6: Erfolg ist in vielen Bereichen oft mehr eine Sache der Ellbogen als der Intelligenz. Deshalb sitzen in Führungspositionen so viele dumme Leute.

Erkenntnis 7. Über das, was im Leben alles schief geht, sollte man sich nicht zu viel ärgern. Am besten beherzigt man die Worte des Satirikers Heinrich Spoerl, der meinte: "Ärger ist Zeitverschwendung und Kraftvergeudung. Er schadet dem Teint und zerstört Stimmung, Freundschaft und Geschäft. Wer sich ärgert, wirkt keineswegs imponierend und erregt kein Mitleid. Er wirkt höchstens komisch."

Letzte Erkenntnisse: Ein Mann, der Zeit zum Niederschreiben seiner Erkenntnisse haben will, muss warten können. Manchmal lange. Aber wenn diese Zeit gekommen ist, sollte er immer und ohne Ausnahme Reserven bei sich haben und auch zwei Bleistifte und ein Stück Papier, um seine Gedanken nicht der Straße anvertrauen zu müssen, von der sie der nächste Regenguss unwiederbringlich auslöschen wird.  


 

 "Von wem er das wohl hat?"


"ER hat mich verändert", sagte mein Sohn zu seinem Freund. Dabei streifte mich sein Blick und ein Lächeln huschte über sein Gesicht. "Fast unmerklich geschah alles, aber irgendwann fiel es meiner Frau, später auch meiner Mutter auf. Ich konnte nichts dagegen tun. Vergeblich mühte ich mich ab, der zu bleiben, der ich glaubte zu sein. Anfangs gelang mir das auch, weil ich wirklich anders war. Aber später kam ich nicht mehr dagegen an und nun habe ich aufgegeben, anders zu sein. Kurz gesagt, ich leide an schleichendem "Persönlichkeitsverlust."

Sein Freund runzelte irritiert die Stirn und ehe ich Fragen stellen konnte fuhr er - an mich gewandt - fort: "Dagegen ist kein Kraut gewachsen, denn es sind DEINE Gene, die so übermächtig sind. Mittlerweile ist das aber bedeutungslos geworden und genau genommen hat meine Verwandlung mehr gute als schlechte Seiten. Jetzt, nachdem du und ich in die mittleren Jahren gekommen sind - du in die Mittleren weit oben und ich noch in der unteren Hälfte - sind wir in dem, was uns ausmacht, fast gleichaltrig. Hatten wir früher - außer dem gleichen Vor- und Nachnamen - kaum etwas Gemeinsames. Jetzt spreche ich mit dir, wie mit einem Freund. Stimmt's? Früher warst du mir immer voraus. Du konntest Wörter richtig schreiben - ich nicht. Du konntest Kopfrechnen - ich nicht. Jeden Morgen wachtest du um sechs Uhr auf und ich hätte ewig weiterschlafen können. Wenn ich als Junge mittags noch in tiefen Schlaf lag, riefst du ärgerlich: "Aufstehen!' Nie begriffst du, wie jemand so lange schlafen konnte. Und ich begriff nicht, dass jemand das nicht konnte. "

"Seitdem aber die Gene mich an meinen Vater angepasst haben, kommen wir uns immer näher", sagte er nun zu seinen Freund. "Heute wache ich um sechs Uhr auf, so wie er und versuche vergeblich wieder einzuschlafen. Das beunruhigte mich zuerst, weil ich glaubte, etwas stimme nicht mit mir. Dann ging mir ein Licht auf: Ich war auf dem besten Wege, langsam aber unumkehrbar mein Vater zu werden!"

Sein Freund grinste und erwiderte: "So ähnlich geht's mir auch, ich bin sogar schon Polizist geworden - so wie er!"

Einen Moment lang schweiften meine Gedanken ab und bewegten sich eine Generation zurück. Ich sah MEINEN Vater, seine Bewegungen, seine Reaktionen und seine Hobbys vor meinem inneren Auge. Wie sich alles wiederholt hatte an mir! Diese kurze, nur Sekunden währende gedankliche Rückschau reichte aus, um mir mein damaliges, ganz allmähliches Hineinwachsen in die Gestalt meines Vaters wieder bewusst werden zu lassen. Manche Männer machen diese Erfahrung vielleicht nie. Oder erst dann, wenn andere ihnen sagen, sie hätten den gleichen Gang wie ihr Vater oder sie sprächen so wie er. Oder wenn man ihnen sagt, sie polterten ebenso laut die Treppe nach oben, wie er es tat. Als man mir das sagte, wusste ich, wer ich geworden war.

"Normalerweise müsste ich die Hälfte der Gene von meiner Mutter haben", hörte ich meinen Sohn zum Freund sagen. "Doch sie hat sich nicht durchgesetzt, vielleicht wirkt sie im Verborgenen in mir. Früher glaubte ich, eine einzigartige Person zu sein. Seitdem ich aber weiß, dass die Zukunft in Wirklichkeit die Vergangenheit widerspiegelt und man gegen seine Gene nicht ankommen kann, lebe ich ruhiger. Klar, denn wenn ich meinen Vater ansehe, habe ich das Beste noch vor mir - und vielleicht fange ich sogar nochmal an, Artikel zu schreiben!"

"Und DEIN Sohn?", fragte sein Freund, "was ist mit dem?" "Er schläft. Und jeden Sonntag rufe ich ärgerlich: "Aufstehen!" und frage mich genervt: "Von wem hat der Junge das bloß!"






Die andere Welt

Der Wind ist eingeschlafen und das Geräusch der kleinen Wellen an der Bordwand verstummt. Die Geräusche vom Badestrand verebbten, als eine dunkle Gewitterwand aufzog. Die Menschen verschwanden und Ruhe legte sich über den See. Doch das Unwetter blieb aus, der Himmel klarte wieder auf und eine feurige Abendsonne, dicht über dem Horizont, legt nun dunkle, immer länger werdende Schatten der Bäume einer Insel über Wasser und Boot. In diese friedliche Lautlosigkeit schwebt leise, an- und abschwellend, der Glockenschlag einer fernen Kirchturmuhr: 21.00 Uhr. Es einer der langen Abende des Juni, der mich im Cockpit unseres Bootes verweilen lässt, um Eintragungen ins Logbuch zu machen. Ich blättere einige Seiten zurück.

"Um 11.10 Uhr kreuzen sich zwei Welten ohne zusammenzustoßen," steht dort unter dem 2. Juni. "Die Entfernung beträgt keine 10 Meter, aber die empfundene Distanz von der Welt hier unten zu der da oben ist größer als die zwischen Erde und Mond", lese ich weiter. "Da oben rasen Narren mit 120 Sachen über eine Straßenbrücke. In unserer Welt,  tuckern wir in unserem Boot im Sechskilometertempo die verschlafen wirkende Havel hinab. Und ich bin sicher: Niemand dort oben auf der Brücke wird Zeit gefunden haben, die Welt hier unten auf dem Fluss überhaupt zu bemerken."

Zehn Tage ist das her, aber mir ist, als wären Wochen vergangen. Zugegeben, kurz zuvor gehörten meine Frau und ich auch zu den "Narren auf der Brücke" und rasten über sie, um rasch an Bord zukommen. Dann verflog unsere Eile und wenig später glitten wir frei und ungebunden wie Wasservögel auf unserem schwimmenden Untersatz dahin.

Drei Stunden später fiel der Anker vor der Insel Werder, auf der uns die hektische Welt der Massenabfertigung einholte. Wie gut, dass wir fliehen und uns wieder dem breiten, seeartigen Strom der Havel anvertrauen konnten. Alle Uhren der Welt standen für uns still. Stunden und Tage verschmolzen zu einer beglückenden Mischung aus Schwimmen und Sonnenbaden, Angeln, Schauen und Erforschen und beim Erforschen entdeckten wir die winzige Bäckerei eines ebenso winzigen Dorfes in der - so wie in früheren Zeiten - Brot im Holzofen gebacken wurde. Seinetwegen ankerten wir einen Tag länger vor dem Backhaus.

Kein Glück dauert ewig! "Grundberührung um 10.35 Uhr", steht im Logbuch. "Rasendes Motorboot zwang mich auszuweichen, um Zusammenstoß zu vermeiden. Hässliches Knirschen von Kies unter dem Kiel machte die Lage kritisch und ohnmächtiges, wütendes Drohen mit der Faust hinter dem verschwindenden Boot meine Hilflosigkeit deutlich. Wir steckten fest, unverrückbar, so fest wie einbetoniert", verriet mein Logbucheintrag.

Alles ging gut. Nach Stunden des Wartens warf ein vorbei kommendes Ausflugsschiff eine Leine herüber. Atemlose Sekunden, zum Zerreißen gespannte Leine und Nerven, röhrende Diesel und schäumendes Schraubenwasser - ein erstes Zittern des Rumpfes, ein langsames Kippen des Bootes auf die Seite und dann - endlich - waren wir frei.

Ich klappe im letzten Schein der Sonne, die die Havel in einen roten Spiegel verwandelt, das Logbuch zu und schaue über das Wasser, aus dem sich Fische, in die Luft springend und wirbelnde Kreise hinterlassend, ihren Anteil an den Mücken über dem See holen. Nur kurze Zeit noch, und das beginnende, weiche Purpur der Dämmerung wird schwarz werden und die Sterne so hell herauskommen lassen, wie man es nur auf dem Wasser oder in der Wüste erlebt. Wir genießen den letzten Abend auf dem Wasser - und spüren dabei ein leises Unbehagen, wissend, dass auch wir am nächsten Tag wieder der anderen, der rasenden Welt auf der Brücke über dem ruhigen Strom angehören werden.


Die Meilensteine des Lebens

Vor vielen Jahren saßen meine Frau und ich mit unserem Sohn und seiner Familie in einem guten Restaurant. Unsere Gespräche drehten sich um die Dinge, die in jeder Familie vorkommen. Wir philosophierten etwas, aber vor allem genossen wir das gute Essen. Alles verlief so, wie es auch bei früheren Zusammenkünften war, bis sich etwas Neues ereignete. Dieses Mal bezahlte mein Sohn die Rechnung, so, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt. Ich hatte das nicht erwartet, genauso wenig wie bei den ungezählten Restaurantbesuchen vorher, bei denen - ohne darüber nachzudenken - ich die Rechnungen beglichen hatte. Diesmal war alles anders und noch während er abrechnete, erinnerte mich daran, dass ich Jahrzehnte vorher genauso gehandelt hatte.

Es sind die Meilensteine im Leben eines Menschen, die manchmal ganz plötzlich auftauchen und uns zeigen, dass das Leben im Fluss ist, und in dem man plötzlich mit einem Ruck ein Stück weiter auf der Skala des Daseins gespült wird. Manchmal scheint man durch das unvermutete Auftauchen einer dieser Meilensteine sogar ein Anderer zu werden. Jedenfalls empfand ich es damals so, als ich mit meinem Großvater im Restaurant zusammensaß und zum ersten Mal im Leben die Rechnung an mich nahm und die Forderung beglich. Ich kam mir dabei wie ausgewechselt vor. Ich war plötzlich ein Anderer. Unvermittelt war ich wirklich erwachsen geworden.

Viele Menschen bestimmen ihr Leben nach den Lebensjahren. Mein Leben messe ich an kleinen Ereignissen, an Entwicklungssprüngen, an kleinen und großen Meilensteinen. Ich wurde nicht zum jungen Mann, als ich den 14. Geburtstag feierte. Erwachsen wurde ich erst viel später, nämlich dann, als mich der Schaffner im Zug nach Hannover mit "Sie" anredete und dabei seine Augen nicht herablassend auf mich herabblickten, sondern Ernsthaftigkeit ausdrückten. Schlagartig wurde mir klar: Ich war kein Kind mehr.

Ich bemerkte noch viele Meilensteine meines Lebens. Damals in meiner Jugend erschienen mir Polizisten immer riesengroß. Natürlich waren sie auch älter als ich und ich hatte Respekt vor ihnen. Irgendwann stimmte dieser Eindruck nicht mehr. Plötzlich waren viele jünger und nicht größer als ich selbst.

So ähnlich erging es mir bei Fußballspielern. Sie, die früher wie alte Herren auf mich wirkten, waren plötzlich alle viel jünger als ich und hatte ich bis dahin geglaubt, selbst noch mal guten Fußball spielen zu können, zerplatzte mein Traum angesichts ihrer Jugend wie eine schillernde Seifenblase. So ging es mir noch oft. Wenn ich glaubte, der nächste Meilenstein läge noch vor mir, war ich längst daran vorbei, weil er vom Wuchern des pulsierenden Lebens überdeckt wurde.

Nie hätte ich es für möglich gehalten, vor dem Fernseher einzuschlafen, wie es früher mein Großvater tat. Jetzt schaffe ich das auch. Und nie hätte ich früher gedacht, dass ich Jahre später mehrfach ans Rote Meer reisen würde, ohne auch nur einmal mit den Zehenspitzen das Wasser zu berühren. Leute, die deutsche Literaturklassiker lasen, hielt ich für verschroben und doch war es erneut ein Meilenstein, als ich begann, mich in die Reihe der "Verschrobenen" einzureihen , um Goethe zu lesen. Hätte mein Großvater behauptet: "Auch Du wirst irgendwann, so wie ich, an Opern Gefallen finden", ich hätte ihm einen mitleidigen Blick zugeworfen.

Damals, als mein Sohn die Restaurantrechnung beglich, glaubte ich zuerst, nur einen weiteren Meilenstein meines eigenen Lebens passiert zu haben. Ich irrte. Es waren zwei Meilensteine. Einen  passierte mein Sohn und einen ich.


Samstag, der anstrengendste Tag der Woche 

Die meisten Menschen träumen von einer Arbeitswoche, die höchstens vier Tage dauert und dem ein drei Tage langes, entspannendes Wochenende folgt. Beim Gedanken daran bricht mir der Angstschweiß aus, denn mir reicht das normale Wochenende vollkommen aus.

Das klingt komisch, aber es ist der Freitagabend, bei dem man die Nachteile des Samstag vergisst. Am Freitagabend stimmt alles. Ihn verschandelt keine Arbeit und so ist die häusliche Stimmung beschwingt und in dieser gelösten Atmosphäre gehen wir sogar später ins Bett als sonst, weil wir ja noch den Samstag vor uns haben. Doch in diesem euphorischen Zustand stellen wir leichtsinnig unser Samstags- Arbeitsprogramm auf.

"Ich werde morgen früh den Rasen mähen", meinte ich vor kurzem, "und anschließend grabe ich die Blumenbeete um."

"Das passt. Ich hole auf dem Weg beim Einkaufen die 210 bestellten Stiefmütterchen ab", verkündete meine Frau. "Die kannst du anschließend pflanzen."

"Noch besser ist es, wir machen morgen Nachmittag ein Picknick", meldeten sich die Enkel zu Wort, die das Wochenende bei uns verbringen wollten. "Warum eigentlich nicht? Ich brate Hähnchen, die wir am Waldrand auf Decken liegend, abknabbern können," gibt sich meine Frau unternehmungslustig. "Und zwischendurch machen wir gemeinsam die Hausarbeit", setzte sie hinzu - "und beeilen uns, das alles zu schaffen."

Ich füllte die schon wieder leeren Sektgläser und wir stießen an. "Auf einen erfreulichen Samstag!"

Der Samstagmorgen begann unerfreulich. Der Enkel, der mir helfen wollte, kam nicht aus dem Bett und ich auch nicht, weil ich den Sekt noch in den Knochen spürte. Das Gras war trotz der vorgerückten Stunde noch nass und ich verschob das Rasenmähen auf später. Dafür grub ich eines der Blumenbeete um und als der Spaten an einer Wurzel hängen blieb, brach der Stiel ab. Erbost wandte ich mich wieder dem Rasen zu. Doch das Schicksal war gegen mich, oder der Rasenmäher mochte mich nicht. Jedenfalls sprang er nicht an. Die Fehlersuche verlief erfolglos und erst, als mein Enkel kindlich spielerisch auf den Startknopf drückte, erwachte der Mäher brüllend zum Leben und ich erntete einen triumphierenden Blick.

Und noch während ich vom Enkel bedrängt - "wann fahren wir denn endlich zum Picknick, es ist doch bald Abend?" - den Rasen mähte, quoll aus dem Küchenfenster dicker Qualm und ich stelle den Rasenmäher hektisch ab. Die Hähnchen verschmorten, von allen vergessen im Backofen, nur, weil meine Frau, wie gestern Abend geplant, die übrige Hausarbeit erledigte.

"Denn erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt!" dachte ich verbittert, als ich die Hähnchen aus der Bratröhre zog und stöhnte auf, als ich mich am Daumen verbrannte. Der Rasenmäher sprang wieder nicht an. Wütend versetzte ich ihm einen Tritt - und dann gab ich's Arbeiten auf.

"Liebe Enkelchen," begann ich vorsichtig, wollen wir das Picknick im Garten machen?" Die Kinderlein - Gott segne ihre verständnisvollen Seelchen - stimmten begeistert zu und so saßen wir bei untergehender Sonne einträchtig inmitten der halbgemähten Rasenfläche neben einem Spaten ohne Stiel, umkränzt von nicht gepflanzten Stiefmütterchen und kauten halbverkohlte Hähnchen.

Müdigkeit kroch meine Waden hoch und bevor sie mir die Augenlider zuziehen konnte, fragte ich schläfrig in die Runde: "Was meint ihr, wollen wir nächsten Freitagabend mal ein richtiges Samstagprogramm aufstellen? So eins ohne Arbeit, nur faulenzen und Picknick machen mit "richtigen Hähnchen" vom Grill?"


Gedanken eines Optimisten 

Meine Familie und die meisten meiner Freunde nennen mich einen Optimisten. "Wenn du mal von einem Berg stürzt", sagte Otto zu mir, "bist du so lange davon überzeugt, dass der Grund gepolstert ist, bis du unten aufschlägst."

Ganz so ist es nicht, aber er hatte recht: "Ich bin Optimist."

Das heißt nicht, dass ich glaube, in der besten aller Welten zu leben. Ich kenne die Mängel, Schrecken, Unzulänglichkeiten und Schwierigkeiten dieser Welt genau. Einige davon haben auch mich nicht verschont. Aber ich vermeide, in das Jammern mancher Pessimisten einzustimmen, die meinen, die Welt sei fürchterlich und stände am Abgrund.

Es ist nun mal so, dass wir auf einer Kugel, die Erde heißt, wie auf einem Staubkorn durchs All bewegen und irgendwann auf dieser Kugel sterben werden. Das ist nicht zu ändern und deshalb vergeude ich nicht zu viele Gedanken daran.

Doch was können und was sollten wir tun, solange wir lebend auf dieser Gesteinskugel durchs All rasen?"

Ich glaube, wir sollten etwas bewegen WOLLEN, anstatt antriebslos in Pessimismus zu verharren. Etwas "wollen wollen" ist für mich der Ausdruck optimistischer Grundeinstellung überhaupt. Und schaue ich zurück, gibt es auch keinen Grund, pessimistisch zu sein. Der Mensch hat zu jeder Zeit gewollt, dass die Natur für seine Zwecke nutzbar wird - und hat dabei Fehler gemacht. Aber im Endeffekt hat er das Ruder immer dann zu seinen Gunsten herumgerissen, wenn etwas "aus dem Ruder" zu laufen drohte. "Die Menschheit ist dabei, sich selbst zu vernichten", behauptete zum - ich weiß nicht, wievielten Male - einer meiner pessimistischen Bekannten. "Jede technische Errungenschaft wird für den Krieg verwendet." Das ist nicht zu widerlegen. Aber über einen längeren Zeitraum betrachtet profitieren wir von den menschlichen Errungenschaften mehr, als das sie uns schaden, weil sie die unvermeidlichen Nachteile weit übertreffen.

Wie einfach war die Welt vor gerade mal 60 Jahren! Seitdem ist der Fortschritt in Medizin, Hygiene, Wohnkultur und Beweglichkeit atemberaubend gestiegen. Und gegen die primitiven Verhältnisse im Mittelalter war auch diese einfache Zeit der 1950er schon unglaublich fortschrittlich, berichtet ein Buch, das ich vor längerer Zeit gelesen habe. Mein Optimismus gründet sich auf diese nach vorn gerichtete Vergangenheit. Er beruht auf dem unerschütterlichen Glauben an die menschliche Natur, deren Größe immer über die Mängel des Menschen triumphiert hat. Warum soll das plötzlich anders sein?

Im letzten Jahr verunglückte ich auf einem Motorrad und brach mir ein Bein. Der Pessimist würde denken: "Was für ein Unglück." Nach einem Moment des Schocks sah ich die Sache optimistisch. Was war passiert? Fast nichts. Ein Beinbruch - das kann jedem passieren. Mindestens sechs Wochen "Gipsbein lagen vor mir." Das war lästig. Aber volle anderthalb Monate Ruhe war die Entschädigung!

Endlich konnte ich nachdenken und das schreiben, was ich schon immer schreiben wollte. Und einen Vortrag konnte ich fertigstellen, vor dem ich mich lange Zeit "gedrückt" hatte. Ich konnte einen Gärtner einstellen, der meinen Rasen mähte und meine Hecke schnitt und ihm entspannt bei der Arbeit zusehen. Aber das Allerschönste: Meine Frau bediente mich von morgens bis abends mit Apfelkuchen und Schlagsahne und las mir meine Wünsche von den Augen ab! Ich behaupte nicht, dass ich das Gipsbein behalten wollte. Aber trotz der lästigen Unbeweglichkeit: Für mich, den Optimisten, war diese Sommerzeit die schönste Zeit des Jahres!


Darf ich mich vorstellen?

Ich bin gewaltig. Nein. Ich bin mehr. Ich bin majestätisch, und auch diese Bezeichnung charakterisiert mich nur unzureichend.

Ich bin lebensspendend und erhaben. Ich bin Zeuge der Weltgeschichte, bin fast so alt wie die Schöpfung und trotz meines Alters immer noch so schön wie eine junge Frau.
Darüber hinaus bin ich nützlich, ebenso nützlich wie das Rad, und vor der Erfindung des Rades war ich für die Menschen, mit denen ich zu tun hatte, unentbehrlich. Ich bin mit über 6670 km der längste Fluss der Welt und reiche von den Tropen Afrikas bis zum Mittelmeer.
Aber ich bin nicht der wasserreichste Strom. Das kann ich nicht sein, denn meine Länge und mein Weg durch die Sahara fordern ihren Tribut durch Verdunstung, Versickerung und Bewässerung der grünen Palmenhaine an meinen Ufern. Und doch ist mein Wasservorrat auch dann noch riesig, wenn ich mich - gealtert und träge geworden - mit dem Salzwasser des Mittelmeeres mische.

Mein Wasser trägt Boote, die als Fähren meine meist brückenlosen, weit auseinander liegenden Ufer verbinden und es trägt Touristenschiffe, die mich noch vor wenigen Jahren zu Hunderten täglich befuhren. Sie ließen neugierige Menschen meine Traumufer live erleben, und nie habe ich diese Menschen enttäuscht.

Das ist anders geworden. Die Politik hat die Touristenströme zum Rinnsal werden lassen. Doch ich habe viel erlebt in der Vergangenheit und nichts kann mich beunruhigen. Pharaonen sind gekommen und vergangen, Türken versuchten, mich zu regieren und auch sie sind verschwunden. Und so wird auch diese touristenarme Zeit vorüber gehen. Dann werden meine Wasser sich erneut unter immerwährendem, tiefblauem Himmel mit noch komfortableren Touristendampfern neu beleben.     

Doch mein Wasser trägt nicht nur Schiffe. Mein Wasser trägt dazu bei, dass Ägypten am Leben bleibt. Mein Wasser treibt die gigantischen Turbinen des 111 m hohen und mehr als 550 km langen Assuan Stausees an, von dem aus man die Erdkrümmung sehen kann und der sich in der Ferne mit dem Horizont vereinigt - so wie ein Meer. Er ist so lang wie die Strecke Hannover - München und hat an seinen Ufern die Wüstentemperatur um 8 Grad C herabgesetzt! Die Stromgeneratoren unterhalb des Dammes liefern 15 % des ägyptischen Strombedarfs. Aber meine wichtigste Aufgabe besteht darin, die Kornkammer Ägyptens zwischen der lybischen und der arabischen Wüste zu bewässern und in sattes Grün zu tauchen. Drei Ernten ermögliche ich den Fellachen pro Jahr, seitdem in den 1970 er Jahren der Assuan Staudamm fertiggestellt wurde und der mich seitdem daran hindert, mein Tal alljährlich mit düngenden Fluten unter Wasser zu setzen.   

Genießen Sie mich nun. Betrachten Sie mich von Bord eines Schiffes aus. Erfreuen sie sich an meinen Uferlandschaften mit den im grellen Licht der Wüste ockerfarbig leuchtenden Berge, die von ihrem Fuß bis an meine Ufer von kleinbäuerlichen Ackerflächen bedeckt sind.

Denken Sie sich im Halbdunkel der jahrtausendealten Tempel an meinen Ufern neben einer der in den Himmel ragenden Marmorsäulen stehend zurück ins Zeitalter der Pharaonen. Tauchen Sie gleich darauf wieder ein in die Gegenwart der turbulenten ägyptischen Städte, die ganz anders „funktionieren“ wie unsere europäischen Metropolen.   

Nun ist mir doch ein Versehen unterlaufen. Ich war so vertieft darin, meine Vorzüge hervorzuheben, dass ich darüber vergaß, mich vorzustellen. Das hole ich jetzt nach, doch Sie haben sicher auch so herausgefunden, wer ich bin:     

Ich bin der Nil.


Heimweh ist stärker als Fernweh  

Damals war ich sechzehn. In dem "Loch", das mir als "Wohnzimmer" diente, blühten an den Fensterscheiben glitzernde Eisblumen und das Wasser in meiner Waschschüssel auf einer alten Kommode war gefroren. Ein elektrischer Heizstrahler mühte sich ab, die Raumtemperatur ins Plus zu bringen. Weil ihm das nicht gelang, schlüpfte ich ins eiskalte, feuchte Bett und konnte nicht einschlafen, weil auch die Füße begannen, sich in Eisklumpen zu verwandeln.

Es war zum Heulen - und vielleicht tat ich das sogar aus Wut über die sibirische Kälte, den Vermieter und über mein in Trümmern liegendes Fernweh, das mich dazu getrieben hatte, eine Lehre, weit weg von Zuhause, anzutreten. Am nächsten Tag erhielt ich einen Brief von meinem Großvater. Meine klammen, zitternden Finger hielten ihn fest und noch heute spüre ich die Güte und das Verständnis, das aus seinen Zeilen sprach:

"Ein Junge geht von Zuhause weg, weil ihm dort alles zu eng und zu vertraut erscheint - und aus dem gleichen Grunde kehrt er später zurück." 

Heute, nach vielen Jahrzehnten, denke ich manchmal an Großvaters Zeilen. Seine Weisheiten gelten immer noch. Es sind die gleichen Gründe, die heutige Touristen in die Fremde treibt und dafür sorgen, dass sie meist auf dem schnellsten Wege nach Hause zurückkehren. Die Menschen verlassen das Vertraute - "den heimischen Herd", den verzogenen Teppich - über den sie so oft gestolpert sind - oder die Fenster, die bis zum Überdruss die immer gleiche Aussicht bieten. Dann reisen sie ab, um das Neue, Unbekannte zu entdecken. In der ersten Aufbruchsfreude fühlen sie sich frei und sie meinen, sie hätten das Paradies gefunden. Doch irgendwann im Paradies - manchmal allmählich oder auch ganz plötzlich, verliert das Unbekannte seinen Glanz. Und noch während sie über die Ursache für die veränderte Wahrnehmung nachdenken, spüren sie im Inneren einen ersten Stich, der sich Heimweh nennt.

Ich selbst war auf der Suche nach dem Unbekannten bei einer Reise mit dem Boot in Südfrankreich, bei der die Luft vor Hitze waberte und Moskitos uns zu Hunderten wie kleine Ungeheuer umsirrten und zerstachen. Kam ich an den Rastplätzen mit den Bootsreisenden Richtung Mitteleuropa ins Gespräch, verloren die stechenden Ungeheuer für sie an Wichtigkeit und die Gespräche drehten sich ausschließlich um das ferne Zuhause, das für viele von ihnen nur noch Neuanfang bedeuten würde. In ihrer Überdrüssigkeit des Vertrauten und vom Reiz des Abenteuers geblendet, hatten diese ihr Haus und Hof verkauft, und sich ein Boot zugelegt, dass sie nun, manchmal nach weniger als einem halben Jahr, als Bleigewicht empfanden und das sie durch seine Langsamkeit daran hinderte, auf dem schnellsten Weg zurück zu gelangen. Sie wussten, ihre Boote würden nur einen Bruchteil des Anschaffungswertes einbringen. Sie wollten trotzdem zurück - nach Hause, nur heim - um jeden Preis.

Sie träumten von duftendem Heu, von Rollkragenpullovern, von Regen und Hagel und nassen Straßen und davon, Schnee schieben zu können. Sie redeten sich heiß bei der Vorstellung, nicht mehr schwitzen zu müssen und ihre Wangen röteten sich bei den Gesprächen, wenn sie um die Gemütlichkeit lodernder Flammen eines Kamins kreisten.

Sie alle waren heimwehkrank, die - um keine Minute mehr zu verlieren - in tiefer Dunkelheit bei Morgennebel mit ihren Booten  zu der schönsten Reise ihres Lebens ablegten: Nach Hause. Heim zu  den abgetretenen Teppichen über die sie wieder stolpern würden und zu ihren Fenstern mit der immer gleichen Aussicht.