Kurzreisen, kleine Fluchten, Tagesausflüge und auch längere Reiseeindrücke.

 

 

 

Reise ins Märchenland

Es ist schon sehr lange her, als die Bäume laufen und die Tiere sprechen konnten. Damals verwandelten sich Frösche in Prinzen, Hexen lebten in Knusperhäusern, Prinzessinnen schliefen hundert Jahre lang und Mädchen mit roten Käppchen überlebten unverletzt die Angriffe großmutterverschlingender Wölfe.

Diese Geschichten, die sich die Menschen damals erzählten, wurden - vergleichbar den Pollen goldenen Blütenstaubs - von Dorf zu Dorf und von Land zu Land weiter getragen und gruben sich dabei immer tiefer in das Gedächtnis der hessischen Bewohner ein.

Die Geschichten waren Phantasien und doch spiegelten sie einen realen Hintergrund wieder und bezauberten nicht nur die Kinder der damaligen Zeit. Doch die meisten von ihnen wären vermutlich für immer verloren gegangen, weil das Volk die alten Märchen immer mehr als reinen Kinderkram abtat. Zum Glück für uns kamen rechtzeitig die Gebrüder Grimm zur Welt. Sie nahmen die alten Märchen ernst, weil sie erkannten, dass es sich dabei um die kostbaren Überreste der Dichtkunst vieler vergangener Generationen handelte.

Der Rest ist Geschichte. Ihre Sammlung - Grimms Märchen - wurde nach der Bibel zum größten Bestseller aller Zeiten! Am 20. Dezember 1812 erschien die Erstausgabe der sogenannten "Kinder- und Hausmärchen." Und als die Märchen in  rund 160 Sprachen übersetzt wurden, traten sie ihren fast beispiellosen literarischen Siegeszug um die Welt an. Seitdem bewegen sich die Auflagen in unzählbarer Millionenhöhe. Doch die Märchen sind mehr als aufgeschriebene Fantasien. Für Komponisten, Dichter und Filmemacher sind sie der ideale Stoff, aus dem diese ihre Träume in neuen Werken Wirklichkeit werden lassen und so Grimms Märchen immer aufs Neue populär machen.

Tausende Besucher machen sich jedes Jahr auf den Weg in jene Gegend, welche Jacob und Wilhelm Grimm vor gut 200 Jahren nach Märchen durchforschten.

Ich tat es ihnen nach. Meine Reise ins Märchenland begann an einem sonnigen Maimorgen in Hanau, in dem die Brüder Grimm geboren wurden und in dem alljährlich die Grimm Festspiele stattfinden. Ihr Geburtshaus steht nicht mehr, aber Hanaus Besuchermagnet, das Nationaldenkmal der Grimms auf dem Neustädter Marktplatz, entschädigte mich. Jacob Grimm sitzt dort gedankenverloren mit einem dicken Buch Volksmärchen auf den Knien, während Wilhelm stehend mit nachdenklichem Ausdruck auf ihn herunter blickt.

Weiter ging meine Reise. Blühende Apfelbäume schmückten die Straße nach Marburg und Schwalmstadt im "Rotkäppchenland." Die Mädchen dort trugen damals die traditionelle Tracht mit einem roten Hütchen und diese wandelten die Grimms in eine rote Kappe um.

Die Zeit schritt voran, und so stand ich in Kassel vor dem Brüder Grimm Museum vor verschlossener Tür. In "Dornröschens Schloß", der Sababurg, übernachtete ich und schlief -  nicht hundert Jahre lang - so doch neun Stunden den Schlaf des Erschöpften. Hameln besuchte ich am nächsten Tag - der Sage des Rattenfängers wegen. Und Verden an der Aller, weil dort Hänsel und Gretel kein Zuhause fanden. Dann begrüßte mich Bremen mit seinen Stadtmusikanten, die zu einem von Bremens Wahrzeichen wurden.

Wäre mir unterwegs Der gestiefelte Kater in seinen Siebenmeilenstiefeln begegnet, ich hätte mir die Stiefel ausgeliehen. Er begegnete mir nicht und so betrat ich müde geworden vom langen Weg und den Besuchen an historischen Stätten, mein Hotel, nicht ohne mir in der Weinstube einen "trockenen Roten" aufs Zimmer zu bestellen. Schläfrig brachte ich gerade noch einen stummen Trinkspruch aus - zum Gedenken an Jacob und Wilhelm und auf die unsterblichen Landschaften, in denen ihre Märchen und Sagen beheimatet sind und fortleben - bevor Morpheus mich mit immer blasser werdenden Bildern von Schneeweißchen und Rosenrot, dem gestiefelten Kater und Rotkäppchen in seine sanften, dunklen Arme nahm.