Auf dieser Seite stelle ich Ihnen Karla Kühn und ihren Mann vor und präsentiere Ihnen mehrere ihrer Kurzgeschichten.

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Karla Kühn, wie sie lebt und lacht!


Karla Kühn 

ist Schriftstellerin mit besonders ausgeprägtem Bezug zu Ereignissen aus dem Leben von Menschen, in deren Leben nicht immer "eitel Sonnenschein" herrscht und deren Entwicklungsgeschichte  gelegentlich auch tragisch verläuft.


Ihr Ehemann Joachim Joachim unterstützt sie stark bei ihren literarischen Arbeiten, ist aber selbst der Malerei und auch der Imkerei zugewandt. 

Das "Doppelpack" in Aktion.

Karla Kühn gehört dem Calenberger Autorenkreis seit gut drei Jahren an und ist bereits durch eine Vielzahl von Publikationen eigener Werke und auch mit Werken anderer Schriftsteller vor die Öffentlichkeit getreten. 

Ihr Schaffen hat sich seit ihrem Eintritt in den Calenberger Autorenkreis seither erheblich 


gesteigert und wird durch ihren Ehemann Joachim - den Sie nebenstehend sehen und der es verdient, auch "bildlich" in Erscheinung zu treten - tatkräftig flankiert. Sie sind ein Doppelpack - im positiven Sinne - und so treten sie auch meist auf.

Lesen sie nun, wenn sie mögen, mehrere ihrer Kurzgeschichten, die in unregelmäßigen Abständen ausgetauscht werden. Viel Spaß beim Lesen der Werke von Karla Kühn

 

Veranstaltungen befreundeter Autoren

 

 


2016-02 Karla-9

(Gesendet auf Leineherz 106,5 am 02.08.2016)                              

 

Die Klassenfahrt der Zehnten

Eine Geschichte, die sich vor der Wende im Jahr 1986 hätte ereignen können...

 

Die Feierstunde in der Aula war zu Ende. Die Schüler und Schülerinnen der polytechnischen Oberschule „Ernst Thälmann“ hielten  die Zeugnisse  in ihren Händen. Sie hatten das Klassenziel erreicht. Roland und Sylke mit „Auszeichnung“, andere mit der Note „Sehr Gut“ „Gut“ oder „Befriedigend“. Jubelnd lagen sie sich in den Armen, fuchtelten wild mit den wichtigen Papieren über ihren Köpfen. Geschafft, endlich geschafft. Natürlich war der oder die  andere  nicht hundertprozentig mit dem Ergebnis zufrieden, aber  letztendlich hatten sie das Klassenziel erreicht. Die einen wollten studieren,  die anderen hatten sich für einen Ausbildungsplatz beworben. Die Jungen wussten, dass der Dienst bei der  NVA ab dem achtzehnten Lebensjahr  für sie Pflicht werden würde. Zwei Freunde  wollten den Wehrdienst verweigern, obwohl ihnen die Konsequenzen über ihre Entscheidung bewusst waren.

Zurück zur Zeugnisausgabe und dem erfolgreichen Abschluss der Klasse zehn.  Endlich, nach dem großen Wirbel und Wortschwall kam der  Direktor, Herr Meißner, zu Wort. Aus Anlass trug der kleine untersetzte Mann den dunkelblauen Anzug, mit rotem Schlips auf dem weißem Hemd und am Revers glänzte das unerlässliche SED-Parteiabzeichen.

Er hatte für seine Klasse eine Abschlussfahrt am ersten Ferienwochenende  bei der Schulleitung durchgesetzt.  Pünktlich fuhr der Bus vom Busbahnhof der Kleinstadt ab und brachte die  Gruppe gut gelaunter erwartungsvoller Jugendlicher nach Lübbenau in den Spreewald. In einer kürzlich renovierten Jugendherberge waren sie untergebracht.

Es gab  Diskussionen, wer mit wem die Zimmer, in denen vier Doppelstockbetten aufgereiht an den frisch gemalerten Wänden standen, teilen würde. Durchdringend  tönte die Stimme des Direktors: „Herrschaften, ich möchte hier keine Diskussionen hören, wer mit wem usw., teilt euch auf, wichtig ist,  Mädchen und Jungen getrennt!“

Am Sonntag morgen  10.00 Uhr früh war der Ausflug auf der Spree geplant. Ein langer Kahn mit Bänken rechts und links an der Bordwand angebracht, war für die  Jugendlichen   reserviert. Fröstelnd saßen sie nach einem kurzen Nachtschlaf  im Boot. Da sie in der Herberge fast die einzigen Übernachtungsgäste waren, konnten sie nach Absprache mit ihrem Lehrer mit angemessener Lautstärke im Aufenthaltsraum feiern.  Rolfs Gitarrenklänge, u.a. hatte er den Song von Carat „Über sieben Brücken musst du gehen“ eingeübt, und alle sangen den bekannten Text mit.

Vorsichtig und fast geräuschlos stieß der   Kahnfährmann  vom Bootssteg ab, langsam und ein wenig schlingernd bewegte sich das Gefährt durch das Labyrinth der schmalen Flussarme.  An seinen Lippen hielt er eine Sprachtüte aus Blech, die  für die Verstärkung seiner Stimme sorgte.

Er schilderte den jungen Gästen die einzigartige Natur des Spreewaldes, die unglaubliche  Vielfalt der einheimischen Vögel, die unter dem dichten Grün der Bäume ihr Zuhause  hatten, die Gräser und Farne, die sich im Schatten der  Bäume und in der hohen Luftfeuchtigkeit entfalten konnten, das wohlschmeckende Gemüse, welches hier hervorragend gedieh, z.B. die berühmten Spreewald-Gurken, die Kürbisse und Zwiebeln.

Die lästigen Mücken brauchte er nicht zu erwähnen, jeder verspürte die quälenden Stiche der  unersättlichen kleinen Blutsauger auf der Haut. Die Jungen holten  die heimlich mitgenommenen Zigaretten F6, Karo, Casino u.a. aus den Rucksäcken. Endlich konnten Sie den Genuss des Rauchens mit der Notwendigkeit, nämlich das Ungeziefer zu verkraulen,  verbinden. Herr Meßner, der sich so jung wie  seit langem nicht mehr fühlte, schmunzelte nachsichtig.

Die frische kühle Morgenluft tat allen nach der feucht fröhlichen Party der vergangenen Nacht gut. Rolf hatte die Gitarre mitgebracht. Fast zärtlich erklangen die Melodien von Elvis, von City und den Pudhis. Leise summten die Jugendlichen  mit und nicht zu überhören waren die tiefen Basstöne Herrn Meßners und  des Kahnfährmanns.

Fast drei Stunden schipperte der lange Kahn  über die Flussarme der Spree, vorbei an einsamen Häusern, deren Bewohner nur mit einem Boot erreichbar waren.

Es gab viele kleine Holzbrücken, die eine  Überquerung der schmalen Flussarme von einem Haus zum anderen ermöglichten. 

Keiner hatte auf Rainer geachtet, der still und versonnen im hintersten Teil des Bootes  allein Platz genommen hatte. Sie kannten ihn, er war immer schon ein Einzelgänger gewesen. Renate erzählte einmal, dass sie gehörte hatte, dass der Vater, als der Junge noch klein war, in den Westen geflohen und nie wieder aufgetaucht sei. Renate meinte dann auch: Leute, das kann auch ein Gerücht sein. Ihr wisst doch, wo wir leben.

Fröhlich und ein klein wenig von der vertrauten Gemeinsamkeit,  der Natur, und den Klängen der Gitarre  beeindruckt, verließen die jungen Erwachsenen das Boot. Klara war die erste, der es auffiel, dass Rainer  fehlte. Keiner hatte bemerkt, dass der immer in sich gekehrte, stille Junge nicht mehr im Boot saß, keiner hatte sich nach ihm umgedreht.

Ratlos stand die Gruppe auf dem Bootssteg, der Kahnfährmann blickte ernst. Seine Position, die er im Kahn inne hatte, gestattete ihm jederzeit, den Blick über die Passagiere  zu richten, und trotzdem war ihm heute, ausgerechnet bei diesen sympathischen Jugendlichen etwas ganz Unverzeihliches entgangen.

Wo war Rainer?  Der Fährmann und Herr Meßner informierten sofort die Volkspolizei. Verdrossen und still ging die Gruppe zurück in die Jugendherberge. Der geplante Abschlussabend würde regelrecht ins Wasser fallen. Keiner verspürte  Lust zu feiern.

Am nächsten Morgen liefen Herr Meßner, der in der Nacht am Haustelefon ausharrend auf eine Information der Polizei gewartet hatte,  mit seinen Schutzbefohlenen müde und unausgeschlafen zur Haltestelle. Die jungen Leute hatten  bis tief in die Nacht über Rainers unheimliches Verschwinden diskutiert. Der Bus stand schon da und sie stiegen ein und erstarrten, auf der durchgehenden Bank im hinteren Teil saß Rainer. Eine Erklärung seinerseits wurde dringend fällig.

Leise, kaum hörbar waren Rainers Worte:. „Starrt mich nicht so an. Ich war heute Morgen schon auf der Polizei in Lübbenau. Mir ist schon klar, dass ich ihnen, Herr Meßner, und euch Unannehmlichkeiten bereitet habe. Ich kann mich nur entschuldigen. Hört bitte zu.

Mein Vater, der nach der Flucht aus der DDR in den Westen unter einem anderen Namen lebt, hat mir vor ein paar Wochen ein Lebenszeichen gesendet, hat mir geschildert, warum er Mutter und mich vor fünfzehn  Jahren verlassen musste. Er schickte mir ein Foto von seinem Geburtshaus und teilte mir den genauen Ort mit, und dass ich hier vielleicht meine Oma, seine Mutter  kennenlernen würde.

Als wir gestern mit dem Boot am Haus  meines Vater angekommen waren, habe ich mich an einem Brückenholm hochgezogen, das Boot unter mir weg gleiten lassen und bin zum Haus gelaufen. Ich musste dahin. Herr Meßner, dass hätte ich ihnen nie sagen dürfen. Es war die erste Begegnung mit meiner Oma. Den Brief von meinem Vater legte ich ihr vor, sie wußte sofort, dass ich Rainer bin. Auch sie  musste, um Mama und mich nicht zu gefährden, all die Jahre schweigen. Wir schauten uns Fotos an und ich hielt Briefe von meinem Vater in den Händen. Die ganze Nacht haben wir geredet. Sie ist eine wunderbare alte Dame, ihr solltet sie kennen lernen. Mehr darf ich nicht sagen, bitte akzeptiert das.“

Nachdenklich und ohne ein Wort zu sagen legte der Direktor  den Arm um Rainer. Auch die Freunde im Bus schwiegen betroffen.

9.10 Uhr erhob sich der Fahrer, der hinter seinem Lenkrad sitzend alles mit angehört hatte: „Hallo Leute, nehmt die Plätze ein und setzt euch endlich auf euren Hintern. Es geht zurück nach Hause. Und du mein Freund, der vor ein paar Minuten mit der Gitarre in den Bus gestiegen ist, spiel auf, ich will Musik und Gesang hören!“ Bei dieser fröhlichen Aufforderung war die trübe Stimmung der Businsassen wie weggeblasen.

 

 

Karla Kühn

Berggartenstrasse 2

30952 Ronnenberg

Lovestory

 

Wie ein glühender Feuerball tauchte die Sonne am Horizont ins Meer. Fast zärtlich den Sand berührend plätscherten die Wellen an den verlassenen Strand des Ostseebades, dem Badeort auf der grünen Halbinsel Rügens,  wo Inge vor vielen Jahren mit ihrem Mann den Urlaub verbracht hatte. Heute weilte sie mit ihrer sechzehnjährigen Enkeltochter Lore, getauft  Eleonore, für zehn Tage hier. Ihr Sohn hatte  dieser Reise zugestimmt, die Gattin nickte kurz und Eleonore jubelte. Mit Oma allein im Urlaub ohne Papa und der Frau, die nicht ihre Mutter war. Inge hatte ein Ferienhaus auf dem Campingplatz nahe am Strand gebucht. Nicht nur die Enkeltochter würde ihr die nötige Abwechslung bieten. Darüber war sie sich sicher. Die Ältere und die Junge hatten in den vergangenen sonnigen Tagen viel erlebt. Mit dem rasenden Roland sind  sie über die Insel gefahren, waren auf Kap Arkona, die Kreidefelsen wurden besichtigt, und immer wieder lagen sie am  Strand, schwammen  und wärmten sich in der Sommersonne. Lore hatte einige Bekanntschaften mit jungen Menschen gemacht. Inge war auf dem Badelaken mit dem Buch in der Hand nur die stille Beobachterin des Geschehens geworden.

Heute, am Samstag Abend hatten beide verschiedene Pläne, Inge wollte zum Kurpark laufen und dort ein Konzert hören. Hits aus ihrer Jugendzeit und Klassiker versprachen die auf den  Plakaten angekündigten fünf älteren, gut aussehenden Musiker. Lore war von Omas Vorschlag begeistert. „Gut Omi, lass dir das nicht entgehen, vielleicht erlebst Du heute noch eine unerwartete Begegnung, Du weißt, wie ich das meine. Ich werde mit meinen neuen Freunden den Abend verbringen. Die Jungen wollen am Strand grillen. Du wirst es nicht glauben, das ist erlaubt. Kannst Du mir bitte etwas Geld vorschießen, bekommst es bestimmt zurück?“ Inge griff in ihre Börse, in der das Reisegeld verstaut war, und überreichte dem Mädchen einen größeren Schein. Sie dachte dabei, das es doch egal wäre, was dieser Urlaub kostete. Was bedeutet schon der Mammon?

In Gedanken versunken lief sie auf der Strandpromenade. Sie erschrak, als sie über sehr große Männerfüße, die in leichten Sommerschuhen steckten, strauchelte, fast gefallen wäre, wenn sie nicht starke Hände fest gehalten hätten. „Haben Sie denn keine Augen im Kopf?“ Der Unbekannte hielt sie im Arm, während er unwirsch diese Worte aussprach. Inge musste ihren Kopf heben, um ihrem  Retter in die Augen sehen zu können. „Bitte entschuldigen Sie meine Unachtsamkeit, tut mir leid.“  Hatte er sie überhaupt verstanden? Sie sah nur, dass der schlanke große Mann mit weit ausholenden  Schritten davon lief. So ein Tölpel, murmelte sie.

Am  Kurpark angekommen bemerkte Inge sofort, dass die schmalen Bänke  nicht voll belegt waren. Noch standen die Urlauber mit Gläsern in den Händen am Ausschank, an welchem  Kaffee, Bier, Wein u.a. angeboten wurde und plauderten angeregt miteinander. Inge holte sich ein Glas Wein, sie entschied sich für einen Grauen Burgunder. Mit dem Glas in der Hand suchte sie sich einen  Platz.  Sie bemerkte, dass der unfreundliche Herr, den sie angerempelt hatte, auf der gleichen Bank am anderen Ende saß.  Als sie sich  niederließ, nickte er ihr freundlich zu. Er hatte sie wieder erkannt. 

Pünktlich betraten die  Musiker die Bühne. Dunkle Jeans, weißes Jackett, schwarze Hemden, smart gekleidet, dachte Inge. Das open air Konzert begann, Ohrwürmer, Hits aus einer längst vergangenen Zeit  erklangen. Inge fühlte sich darin zurück versetzt. Bei diesen Klängen hatte sie mit  ihrem Arnim  das Tanzbein geschwungen. Leise summte sie die Melodien mit und bemerkte plötzlich, dass der Herr mit den großen Füßen  neben ihr saß.  Schelmisch, wie ein großer Junge sah er sie an. Auch er klatschte mit den Händen den Takt und sein Bass war nicht zu überhören. Nach fünfundvierzig Minuten verbeugten sich die Musiker, anhaltender Beifall zeigte Anerkennung von den Zuhörern. Eine kurze  Pause wurde angekündigt.

Inge blieb sitzen. Als ihr Nachbar wieder auftauchte, hielt er zwei Gläser gefüllt mit schimmernden Rotwein in der Hand. „Bitte nehmen Sie das Glas und verzeihen Sie mir meinen unwirschen Umgang heute mit Ihnen. Es ist mir peinlich. Ich bin nur noch ein paar Tage in Baabe, dann muss ich zurück nach Lüneburg.“  Er atmete tief ein  und  sprach weiter: „Als Wiedergutmachung für mein ungehobeltes Benehmen würde ich sie gern zu einem Ausflug einladen. Sie dürfen selbst aussuchen. Ich dachte an die Kreidefelsen, je nach Wetter einen Besuch ins Meeresmuseum nach Stralsund oder was halten sie von Hiddensee.  Das wäre doch ein herrlicher Abschluss für diesen sonnigen Urlaub. Darf ich sie bis zum Ferienhaus begleiten?“ Sie hatte bereits für alles zugesagt und lief nun unsicher neben ihm auf der Strandpromenade zurück. Er hielt ihre Hand in der seinen. Sehr verlegen stand sie ihm gegenüber, als sie sich von ihm verabschieden wollte, er  groß, sie so klein. Tief beugte er sich zu ihr, um sie zu küssen und sie hielt still. 

Am anderen Morgen stand sie pünktlich mit ihrem kleinen Rucksack auf dem Rücken am vereinbarten Treffpunkt. Es war bereits 10.00 Uhr, und er war noch nicht aufgetaucht. Sie wusste nicht, wo sie ihn auf diesem großen Campingplatz finden könnte, sie hatte sich nur den Vornamen gemerkt, Werner, der Nachname war ihrem Gedächtnis entschwunden. 10.30 Uhr, die Sonne stand schon ziemlich hoch am Himmel, gab Inge die Warterei auf. Sie lief zurück. Sie erschrak, als eine tiefe Männerstimme an der Tür des Ferienhauses ihr zurief: „Hallo meine Liebe, wollten wir nicht einen Ausflug unternehmen? Entschuldigung, ich kann Gründe für meine enorme Verspätung nennen.“ Werner stand mit einem jungenhaft strahlenden Lächeln in der Eingangstür. Was sollte sie dazu sagen?

Er fuhr sie nicht an die Kreidefelsen, nicht nach Kap Arkona und nicht nach Stralsund. Er fuhr an einen etwas abgelegenen Strand, an dem die Hüllen vom Körper abgestreift werden durften. Kein Mensch weit und breit war zu sehen. Inge lächelte versonnen. Sie kannte diese hüllenlosen Badefreuden von den Baggerseen rund um ihre Heimatstadt. Beide genossen die Zweisamkeit, offenbarten beide ihr Leben, schwammen wie zwei junge Menschen im Meer, lachten über unmöglichste Worte, küssten und umarmten sich, spürten ihre Körper und liebten sich. Zwei nicht mehr junge Menschen,  jeder von beiden hatte seine eigene Vergangenheit. Keiner von beiden dachte an den nächsten Tag schon gar nicht an die Zukunft. Als die Sonne schon sehr tief stand,  kleideten sie sich wortlos an, wortlos gingen sie eng umschlungen zum Parkplatz. Am Abend saßen sie beim Italiener in Baabe, plauderten, als würden sie sich schon viele Jahre kennen, und genossen die vertraute Gemeinsamkeit. Seine Hand umschlang ihre,  als wollte er sie für immer und ewig festhalten.

Inge und Werner verließen Baabe am gleichen Tag.

Werners behinderte an den Rollstuhl gefesselte Ehefrau, um die er sich liebevoll kümmerte und die er nie verlassen würde, erwartete ihn in Lüneburg. „In guten,wie in schlechten Zeiten werden wir zueinander stehen.“ Dieser Grundsatz band ihn an sie. Inges Wohnsitz war in Leipzig. Würde Inge  seine Geliebte, seine Freundin, seine Vertraute bleiben wollen? Die Antwort bleibt offen.

 

 

Karla Kühn

Berggartenstrasse 8

30952 Ronnenberg

 

 

Verstehen Sie die Jugendsprache?

 

Kürzlich traf ich mich mit meiner Freundin in der Stadt. Wir wollten durch die Einkaufsmeile bummeln, die neueste Mode in den Warenhäusern begutachten, vielleicht auch dieses und jenes kaufen und anschließend in der Altstadt beim Iatliener einkehren.

Nach zwei anstrengenden Stunden hatten wir alles in den Taschen verstaut, stiegen die drei Stufen zum Eingang des Restaurants hinauf und blieben geschockt an der Tür stehen. Die  Tische waren fast alle besetzt. Der charmante  Kellner führte uns zum kleinsten Tisch, der neben dem Tresen stand, und wir fielen wie zwei müde Pilger auf die Sitze der Stühle.

Nach längerer Suche in der Speisekarte fanden wir das stärkende Menü und die Karaffe italienischen Hausweins dazu. Jetzt hatten wir Zeit zum Reden. Nach ausführlichen Gesprächen, wie sie nur zwei Freundinnen führen konnten, brachte sie mich  zum Bahnhof.

Es war zeitlich eng geworden, meine S-Bahn fuhr in wenigen Minuten. Auf dem Bahnsteig standen eine beachtliche Anzahl von Menschen, die nach einem arbeitsreichen Tag endlich nach Hause wollten. Das Geschiebe und Gedrängel in der Bahn musste ich über mich ergehen lassen, als nicht mehr Berufstätige hätte ich doch wissen müssen, dass ich zu dieser Zeit mich zu Hause aufhalten sollte.

Ich landete im Inneren des Waggons, eingeklemmt zwischen schwitzenden Menschen. Ich hätte  gern in meinem Buch gelesen, das ging leider nicht, weil dieser unmögliche Zustand nicht zuließ, das ich an meinen kleinen Rucksack, der sich auf meinem Rücken befand, heran kam.

Auf den Sitzplätzen vor mir saßen zwei Herren, der eine war eingeschlummert, sein kräftiges Kinn war tief auf die Brust gesunken, der andere sehr hagere Mann starrte durch die verschmutzte Scheibe des Abteilfensters. Eine Frau mittleren Alters war in das auf ihrem Schoß liegende Buch vertieft, und den vierten Platz nahm eine junge sehr hübsche Blondine in Beschlag.

Mit einem  Ruck setzte sich die S-Bahn in Bewegung. Ich hatte Mühe das Gleichgewicht zu halten. 

Die blonde junge Frau am Fenster nahm das Handy aus ihrer modischen Tasche, und  begann, für die Umsitzenden und Stehenden unüberhörbar mit folgendem Dialog:

„Hi, ich bin es, was machst du gerade?“ Die dunklen Augenbrauen nach oben gezogen, lauschte sie mit einem entrückten Lächeln auf die Antwort, lachte und sprach weiter: „ Krass, oh mein Gott, das ist doch mega kuhl. Nö, sitze gerade in der irre vollen S-Bahn und komme nach Hause.“ Pause:. „Geil, du warst beim Friseur, man das ist doch obereasy. Wie hast du färben lassen?“ Wieder war Stille eingetreten. Warum fragte sie ihr Gesprächspartnerin nicht: Welche Farbe hat dein  Haar? Ich erfuhr es umgehend, denn das Gespräch ging weiter: „Blond? Ne, nich wirklich hellblond? Aschblond, oh geil, genau wie ich..! Das ist doch mega spitze!“ Aufgeregt schlug sie sich auf ihre schlanken Schenkel, die von hautengen Marken-Jeans eng umschlossen wurden. „Hast du jetzt  Locken oder glattes Haar, so wie ich? Ohne Quatsch, das möchte ich jetzt wissen.“ Nach einer winzigen Pause folgte ein lautes schallendes Lachen. „Mann, klaro, du siehst wieder supi gut aus, dachte ich mir es doch!“

Bis zu keinem Zeitpunkt hatte die junge Frau  mitbekommen, dass sie mit ihrem lauten Handygespräch die Mitfahrenden unterhielt, nein belästigte.

Der vor mir sitzende Herr schlief schon längst nicht mehr. Erschrocken blinzelte er sein Gegenüber an. Die Dame hatte mit einem nicht zu überhörenden Geräusch  ihre Lektüre energisch zugeschlagen. Eine Konzentration auf den Inhalt des Buches war  für sie bestimmt unmöglich geworden.

Die junge Frau bekam von all dem nichts mit. Voller jugendlichem Temperament hatte sie sich von ihrem Sitz erhoben und quasselte jetzt stehend unablässig laut und deutlich vernehmbar weiter: „Hallo, hab ich jetzt richtig verstanden, der Diddi hat ne neue Ische, hat seine blöde Tussi einfach sitzen lassen?“ Nur kurz  trat Ruhe: „ Ach nee, der geht jetzt mit Lori, geil, aber du weißt schon, dass die ein Luder ist und nun geht Lilly mit dem Heizkeks, den wir in der Muckibude kennen gelernt hatten. Was meinst du dazu?“ Schweigen. „Hallo, halt den Ball flach, ich will es wissen. Hast Du denn wieder einen neuen Lover?“ Pause, das Gespräch war offensichtlich versiegt, die Umstehenden und im Abteil Sitzenden atmeten tief durch. Irrtum, denn erneut sprach sie in ihr Smart Phon: „Süße, dass war ja gerade mega interessant. Frage: Stehst du am Bahnhof? In zwei Minuten bin ich da,  dann können wir weiter reden. Ich bin schon ganz heiß auf deine Infos. Bussi, bussi, bis gleich.“

Das Handy verschwand in der über der Schulter hängenden eleganten ledernen Markentasche. Mit einem Blick nach vorn schob sie sich wortlos im Gang an den eng aneinder gedrängt stehenden Fahrgästen vorbei, bis sie am Ausstieg erreicht hatte.

Plötzlich war eine wohltuende Ruhe eingetreten. Die Dame vor mir kramte ihr Buch hervor und begann  erneut darin zu lesen. Der Herr am Fenster blickte  verträumt nach draußen, obwohl dort nichts zu erkennen war und der Dicke begann leicht zu schnarchen. Den leer gewordenen Platz einzunehmen lohnte sich für mich nicht, denn an der nächsten Haltestelle endete meine Fahrt. Mein Mann wird mich am Bahnhof abholen, ich hatte ihm schon mit einer Whats App mitgeteilt, wann ich ankommen werde.

Ich drehte mich in Richtung Tür und mit einem freundlichen: „Entschuldigung, ich möchte aussteigen, danke.“ „Würden Sie mich bitte durchlassen und etwas zur Seite treten?“ hatte  ich endlich die Wagentür erreicht.

Die S-Bahn hielt, und mein Mann stand auf dem Bahnsteig. Wunderbar, er kam immer, wenn ich von irgendwoher wieder nach Hause fand.  Ich begrüßte ihn lachend mit den Worten: „Schatz,  supi geil dass du mich abholst, echt Klasse!“

 

 

 

Karla Kühn

Berggartenstrasse 8

30952 Ronnenberg

 

 

 

 Der   Tänzer

Die zierliche dunkelhaarige Frau im eleganten  Hosenanzug betritt hastig das Folyer der Oper. Den leichten Sommermantel gibt sie an der Garderobe ab, kauft ein Programm und sucht ihren Platz, den sie in den vorderen Reihen des Parketts findet. Die Karte war teuer, aber für diesen Abend sollte nichts zu teuer sein. „Der Nussknacker“  von Tschaikowski steht auf dem heutigen Programm, einer der Solotänzer wird Sebastian… ihr Sohn sein.

Sie ist glücklich. Der Junge hat es geschafft, seinen Traum nach endlosen Diskussionen und Einwänden erfolgreich durchgesetzt.

Bis zum Beginn der Oper verbleiben ihr noch zwanzig Minuten, Zeit genug um sich den Erinnerungen hinzugeben.

Sebastian war damals neun oder zehn Jahre alt, als sie auf den Weihnachtstisch für die ganze Familie Karten für einen Besuch im Opernhaus  auf den Gabentisch legte. Tschaikowskis Nussknacker stand  auf dem Programm. Ihr war bewusst, dass ihr Mann Reiner, weil nur sie die große Verehrerin des Balletts war, aus Höflichkeit mit in die Oper gehen würde. Er konnte der Hopserei, wie er es nannte, nichts abgewinnen. Und für sie  war es als junges Mädchen Tänzerin zu werden, ein nicht zu erfüllender Traum gewesen.

Die Mutter konnte diese Ausbildung, die  Jahre dauern würde,  nicht finanzieren. Der Vater war im zweiten Weltkrieg in Russland gefallen, und Mutter bezog nur eine kleine Witwenrente, die sie mit Tätigkeiten an mehreren Putzstellen im Ort aufbesserte. 

Sie erinnerte sich noch deutlich an den  zweiten Weihnachtsfeiertag. Reiner war schon bei Beginn der wundervollen Klängen des Orchesters eingeschlummert. Gott sei Dank geräuschlos. Sein Kinn war tief auf den Brustkorb gesunken. Sie konnte es nicht begreifen.  Mit großen Augen schaute ihr Sohn zu ihr auf: „Mama, sieh doch, wie  der Tänzer, der den Nussknacker tanzt, sich bewegt. “ Sie sah die Begeisterung in seinem kindlichen Gesicht. „Mama, sag mir, wie kann das sein, dass sich Menschen auf den Zehenspitzen so unglaublich bewegen können, so, dass es aussieht, als würden sie über den Bühnenboden schweben,  kein Körpergewicht spüren, als wären sie mit der Musik verwachsen? Ich möchte das auch können, nichts anderes wünsche ich mir. “

Sie schenkte ihrem Sohn einen zweiten Opernbesuch. Karten für „Dornröschen“. Oma und sie begleiteten den Jungen. Reiner wollte sich das nicht noch einmal antun, wie er es sarkastisch ausdrückte,  außerdem wurde am Abend das Champions-League-Finale im Fernsehen übertragen. Das durfte er um keine Preis verpassen.  „Nein,  geht ihr mal hin, ich bleib zu Hause.“

Und erneut war Sebastian begeistert von  den kapriziösen leichten Bewegungen  der Tänzerinnen und Tänzer und von der Musik. Entschlossen stand er damals vor den Eltern und meinte ernsthaft, dass er zum Ballett gehen möchte und nichts anderes als das Tanzen erlernen wolle. Reiner rastete aus: „Seid ihr alle durchgedreht. Margit, wir sind Geschäftsinhaber des Autohauses mit Werkstatt  und du leitest das Büro und alles was dazu gehört. Niemals gebe ich meine Einwilligung für eine Ausbildung als Tänzer oder anderen Zirkus. Das erlernen  nur Mädchen oder Schwule, Sebastian, du wirst einen richtigen Beruf erlernen und später die Firma übernehmen.

Oma Grete nahm damals das Zepter in die Hand,  tauchte ganz unvermittelt in den Geschäftsräumen des Autohauses auf und bat um ein Gespräch mit ihrem Schwiegersohn.

Der gab vor, keine Zeit für sie zu haben: „Mutter, bitte fasse dich kurz!“ Sie tat es und offenbarte ihm mit wenigen Worten, dass sie die Kosten für die Ausbildung ihres Enkels übernehmen wolle, sie würde ihn fördern und der Herr Schwiegersohn möge seine eigenen egoistischen Wünsche  zurückschrauben.

Margit war bewusst, dass ihrem Sohn entbehrungsreiche Jahre mit einer strengen und harten Ausbildung, die körperliche und geistige Disziplin verlangten, bevorstanden.  Sie denkt  an die   Wochenenden, wenn er nach Hause kam, und er ihr immer wieder versicherte, dass er die richtige Entscheidung für sein Leben getroffen hätte. Er erklärte ihr die Ausbildungsstufen, damit sie einen kleinen Einblick dafür bekam: Das Klassische Ballett, den modernen Tanz: Jazz, Musical Trance, den Charaktertanz: Flamenco, Tango usw. „Mama, ich stehe an der Ballettstange mit anderen jungen Menschen, übe immer wieder die Schritte, die  Brigitt uns zuruft, alles in französisch, sie achtet streng auf Haltung und Fußstellung. Brigitt war früher Solotänzerin im Opernhaus. Ihren Namen  kennen bestimmt noch die älteren Besucher.“   

Margits Gedanken führten sie weiter in die Vergangenheit. Sie dachte an Sebastians Enttäuschung, er hatte die erste Prüfung nicht bestanden. Sie erlebte, als er auf die Bühne tanzte, strauchelte und nicht in den Rhythmus der Musik zurück fand. Er konnte sich nicht konzentrieren, gestand er ihr danach. „Mama, das war der Tag vor eurer Scheidung, ich konnte nur an euch denken.“  

Margit seufzte. Reiner hatte eine jüngere Frau an seiner Seite, die ihren Platz eingenommen hatte. Ihre Mutter, die mittlerweile auf Hilfe angewiesen war,  half ihr damals über die schlimme Trennungszeit hinweg.

Jahre waren vergangen, wieviele eigentlich? Sebastian hatte nie aufgegeben, obwohl er auf die unbeschwerte Zeit der Jugend verzichtet hatte. Eine Freundin stand nicht an seiner Seite, er lebte  für den Tanz und sein Ziel war,  als Solotänzer auf der Opernbühne  aufzutreten.

Als das  Klingelzeichen im Opernsaal erklang, schreckte Margit aus ihren Gedanken auf. Der Vorhang ging auf, die Ouvertüre erklang. Nun erwartete sie aufs äußerste gespannt den Auftritt ihres Sohnes.  Er und ein zweiter Solotänzer würden den „Nussknacker“ heute  tanzen.  Sebastian erschien und tanzte leicht, kaum den Boden berührend mit einer unglaubenlichen Eleganz auf die Bühne.  Gertenschlank und doch muskulös, förmlich über den Brettern der Bühne schwebend bewegte er sich, hingebungsvoll, für sie perfekt. Sein Körper schien mit jeder seiner Bewegungen völlig mit der Musik  zu verschmelzen.

Die Mutter sah ihren Sohn und nur ihn. Er hatte den richtigen Weg eingeschlagen. Auch ihrer Mutter war sie dankbar. Sie hatte für ihren Enkel alles getan.

Der Vorhang schloss sich, der Beifall wollte kein Ende nehmen. Der erste Teil war geschafft. Margit reihte sich in die  Schlange der Wartenden ein, um sich ein Glas Sekt zu holen. Das wollte sie nach der langen Nervenanspannung genießen. Der zweite Teil würde von ihr gelöster wahrgenommen werden können.

Mit dem Glas in der Hand drehte sie sich um und sah in die Augen ihres geschiedenen Mannes. Ein Ausweichen war unmöglich. „Margit, Du bist überrascht, dass Du ausgerechnet mich hier triffst. Ja, ich wollte mit eigenen Augen erleben, was unser Sohn erreicht hat und was ich sah, macht mich stolz. Du, meine Liebe, und deine Mutter habt alles richtig gemacht. Ich wollte damals der Tatsache nicht ins Auge sehen. Ich möchte mit dir und Sebastian nach der Vorstellung noch etwas zusammen sein. Ich lade euch ein. Bitte, schlage es mir nicht ab. Sebastian hat bereits zugesagt.“

 


 


Wäre es doch nur ein böser Traum?

                                   

Nach der heißen Dusche stellte sich Helene nackt vor den Spiegel, der in ihrem kleinen Mädchenzimmer angebracht war. Sie schaut aus dem rechten Augenwinkel ganz kurz hinein, nur ganz flüchtig. Sie schämt sich für ihr Spiegelbild. Doch dann dreht sie sich abrupt um und blickt  hinein in den unbarmherzigen Spiegel.

Sie sieht ein 13jähriges Mädchen, deren junge sprießende Brüste, die schmale Taille, der zarte Schwung der Hüften, die hohen schlanken Beine. Der Blick nach oben gerichtet zeigt ein blasses sehr schmales Antlitz mit winzigen Sommersprossen auf dem Nasenrücken und den graugrünen großen, traurigen Augen.

Sie denkt: Eigentlich bin ich doch ganz hübsch und Rainer schaut mich immer wieder so merkwürdig an. Er mag mich vielleicht, denn er fragt fast  täglich, was wir beide gemeinsam unternehmen könnten. Bei den Gedanken an Rainer  fühlt sie ein Prickeln unter der Haut. Ja, sie will mit Rainer ins Bad fahren, will mit ihm radeln, ins Kino gehen, mit keinem anderen. Nur kurz ist diese Phase, dann dringt die Wirklichkeit wieder in ihr Gedächtnis.

Was mache ich nur, was soll ich tun, schreit es in ihr.

Seit einem Jahr wohnt Helene mit ihrer Mutter, deren Mann und dem kleinen Bruder in der Kleinstadt mit den herrlichen Fachwerkhäusern. Endlich hat sie ein eigenes  Zimmer in der Vierraumwohnung erhalten. Aber was ist in diesem Jahr geschehen?

Sie möchte immer wieder aufbegehren, ihre ganze Wut und unendliche Hilflosigkeit herausschreien, kann und darf es aber nicht. Sie fühlt sich   schmutzig und befleckt, krank und hilflos. Mama, bitte hilf mir, sei bei mir, nimm mich in deine Arme, möchte sie rufen, aber ihre stummen Hilfeschreie können von der  Mutter nicht gehört werden. Was würde die Mutter sagen, wenn sie erfahren würde, was die große Tochter ihr zu sagen hätte.

Würde sie ihre junge Tochter ganz erstaunt und ungläubig ansehen. „Mädel, Du spinnst doch. Steckst du in der pubertären Phase mit deinen gerade mal dreizehn Jahren? Was hast du für abartige sexuelle Gedanken. Das ist doch krank!“

Oder würde sie erst einmal geschockt auf ihr Kind blicken, dann wieder zweifelnd und schließlich doch zornig werden. Würde sie dem Mann, der neben ihr schläft, mit dem sie ein gemeinsames Kind hat, nicht mehr vertrauen, ihn für schuldig halten und  Helene glauben? Nein, dass würde sie gewiss nicht, dafür liebt sie ihn zu sehr.

Helene kann keine Nacht mehr ruhig schlafen. Sie wirft sich im Bett von einer Seite auf die andere, bis er sich in ihr Zimmer schleicht, sich wie selbstverständlich neben sie legt und ihr,  fast wie in jeder Nacht,  ins Ohr flüstert, wie süß sie doch sei. Sein Mund würde sie berühren und sie  möchte sich  voller Ekel abwenden. Aber sie hat Angst vor ihm und fühlt sich eingesperrt wie in einem engen Käfig. Er ist nicht ihr Vater, er ist der neue Mann ihrer Mutter.

Ihre Eltern hatten sich vor einigen Jahren getrennt. Ihr Vater hat eine neue Frau geheiratet und mit ihr  zwei Kinder. Die viel jüngeren Halbgeschwister mag sie sehr. Alle vierzehn Tage ist das sogenannte „Papa-Wochenende“ mit dieser Familie. Aber dort ist nicht ihr Zuhause. Ihr Papa  liebt sie, das spürt sie, aber die neue Frau steht der Stieftochter fremd gegenüber. Auch hier kann sie sich keinem anvertrauen und am Sonntag Abend muss sie wieder zur Mama und diesem Mann zurück, und wenn sie nur daran denkt, überkommt sie eine schreckliches Grauen.

Helenes Mutter arbeitet morgens oder nachmittags als Kassiererin im Großmarkt und  braucht am Abend einfach ihre Ruhe. Schon lange ist sie in physatrischer Behandlung und muss gegen ihre immer wieder auftretenden Depressionen Medikamente einnehmen. Die Tochter versteht das, sie ist alt genug. Deshalb hilft sie im Haushalt mit, wo immer sie  kann.

Spürt  die Mutter wirklich nicht, dass  ihr Partner das Ehebett in den Nachtstunden verlässt und  aus dem Zimmer schleicht? Merkt sie es nicht, oder will sie es gar nicht wissen?

Oh, wie verzweifelt ist Helene.

Es ist fast Mitternacht, und gerade kommt er wieder zu ihr. Er ist nicht groß, eher klein und untersetzt. Ein Mann in den besten Jahren. Und  was macht er mit ihr? Nein, das will sie nicht, nein das ist so eklig, sie schämt sich für dies alles, und doch hält sie es aus, ihr Körper hat keine Empfindungen mehr.  Immer wieder fragt sie sich: Wo bleibe ich, was wird mit mir?

Sehr reif ist sie geworden in all diesen unglaublichen Monaten.  Sie hat Zweifel, ob sie mit Rainer, der sie so verehrt, noch einmal unbeschwert reden kann, mit  ihren Freundinnen ohne Hemmungen ein fröhliches Lachen, ulken oder lästern möglich sein  wird, da  sie alle sich von ihr entfernt haben.

Ihre liebste Freundin meinte vor einiger Zeit, sie sei einfach zu komisch und merkwürdig  geworden.

Einsam steht Helene allein auf dem Schulhof. Sie ist so unglücklich. Vielleicht sollte sie sich doch einmal eine Zigarette gönnen. Mamas Mann raucht und  die Zigaretten liegen immer im Wohnzimmer auf dem Tisch. Der merkt doch gar nicht, wenn sie ein, zwei oder drei aus der Schachtel entnimmt. Aber eigentlich will sie  nicht rauchen, so wie das schon einige ihrer Klassenkameradinnen heimlich tun. Das ist nicht die Droge, die sie braucht, die ihr junges Leben wieder ins Lot bringen würde.

Sie möchte  unbeschwert und frei lachen können und endlich einmal ihrer geliebte Mama ohne Schuldgefühle und schlechtem Gewissen in die Augen sehen dürfen.

Am  Abend, als alle schlafen, packt sie ein paar Klamotten in ihre Sporttasche, legt ihrer  Mutter den Bericht über ihr bisher gehütetes schlimmes Geheimnis auf das Bett und  verläßt leise die Wohnung. Nur weg von hier. Das Taschengeld würde für die Zugfahrt reichen. Oma würde sie aufnehmen und nur ihr kann sie sich anvertrauen.

Endlich hätte der böse Traum ein Ende.

 

 

Karla Kühn

Berggartenstrasse 8

30952 Ronnenberg

 

 

                                     

Wann ist zu spät?

 

Ich schrecke aus dem Schlaf auf, wie spät mag es sein? Meine rechte Hand gleitet ungelenk über den  neben meinem Bett stehenden Nachtschrank, ergreift das Buch, welches ich am Abend vor dem Schlaf  lese. Wo liegt die Brille? Ohne diese bin ich blind. Endlich haben die Finger das Gesuchte gefunden. Die Leuchtziffern meines Weckers zeigen auf  7.30 Uhr! So spät schon? Ich erwarte heute Besuch, deshalb sollte ich schon längst das Bett verlassen haben. Meine Bewegungen nach dem Schlaganfall, ein Streifschuss, meinte mein Arzt, sind langsamer geworden. In  dieser Nacht habe ich geschwitzt und geträumt.  Ich grübele, leider gibt mir mein Gehirn keine Chance, mich zu  erinnern.

Mühsam erhebe ich mich aus meinem warmen Bett und gehe ins Bad. Das heiße  Wasser auf der Haut ist ein  herrliches Gefühl, anschließend drehe ich den Hebel der Armatur in die entgegengesetzte Richtung und spüle meinen Körper mit eisig kaltem Wasser ab.

Haare föhnen bleibt mir erspart. Es liegt wohl am Nachlassen meines Testosteronspiegels, das die  Haare mein männliches Haupt nach meinem sechzigsten Lebensjahr fluchtartig verlassen haben.

Eingehüllt in den warmen Trainingsanzug trete ich auf die sonnendurchflutete Terrasse. Es ist kühl am heutigen Morgen. Die  erste  Zigarette halte ich in der Hand, ohne diese  kann der Tag nicht beginnen. Genussvoll spüre ich den würzigen Geschmack auf der Zunge, den Rauch, der an meinen Nasenflügeln aufsteigt und von mir gierig wahrgenommen wird.

Die letzten Schneereste sind in der vergangenen Nacht weggetaut, verschwunden und das Grün des Rasens ist mit winzigen hellen Punkten ist aufgetaucht. Es sind die Gänseblümchen, die fast das ganze Jahr der Witterung trotzen. Ich schlurfe bis zum Ende der Terrassenplatten und staune, die  Primeln, die aufgrund des milden Winters aufgeblüht waren, haben ihre vom Schnee gebeugten Köpfchen erhoben und schauen keck in den blauen Morgenhimmel. Die Kälte hat den zarten Frühblühern nicht geschadet. Goldgelb blühen die Winterlinge.  Plötzlich erinnere ich mich an das Frühlingsgedicht von Eduard Mörike, welches wir als Achtklässler auswendig lernen mussten. 

 

Er ist's

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist's!
Dich hab ich vernommen!

Mir wird kalt, den Rest der Zigarette drücke ich  im  Aschenbecher aus, der ganzjährig

seinen Platz auf dem Gartentisch gefunden hat.  Dem  Briefkasten entnehme ich die Tagespresse. Fröstelnd gehe ich ins Haus zurück und bringe die Kanne mit dem  frisch gefilterten Kaffee ins Wohnzimmer. Zigarette, Kaffee, Zeitung dazu ein Brot mit Butter und Marmelade, das gehört seit Jahren zu meinem morgendlichen  Ritual. Ich versuche, mich auf die schwarzen Lettern  der Zeitung zu konzentrieren. Warum fällt mir das heute morgen so schwer? Die erste Seite bringt Politik, Streitereien der Parteien um irgendwelche

Ungereimtheiten und kurze Infos, über die auf den nächsten Seiten ausführlicher berichtet wird, auch Kommentare über das tägliche Flüchtlingsthema, die sind mir schon über, trotzdem lese ich weiter. Meine Synapsen sind mittlerweile hellwach geworden.

Erwin, was führst du für ein Leben? Hättest du jemals an dieses Junggesellenleben gedacht? Nein, hätte ich nicht. 

Wir waren damals so glücklich, meine schwarzhaarige Ina und ich. Wir lernten uns  beim Abiturball kennen, trafen uns in den Cafés, gingen ins Kino, tanzten Rock an roll im alten Gasthof. Nicht nach  Klängen aus der Musikbox, nein, ein Tanzorchester mit fast zwanzig jungen Musikern saß auf der schmalen Bühne. Wir besuchten die wildesten Partys, tranken und rauchten Joints. Wir liebten uns, heirateten und unternahmen interessante Reisen. Wir konnten uns diese leisten, weil unserer beider Verdienste  das erlaubten.

Ina war so lebenshungrig, sie wollte ihr Leben genießen und ich  dachte an  Familiengründung, in der Kinder ihren Platz fänden. Sie schüttelte bei meinen schüchtern vorgetragenen Wünschen nur den dunkelhaarigen Lockenkopf. Sie wollte ihr bisheriges Leben nicht aufgeben, ihren Arbeitsplatz nicht anderen überlassen. 

Das alles  funktionierte noch über einige Jahre, bis sie bemerkte, dass sie schwanger geworden war. Sie wollte abtreiben lassen, ich kniete vor ihr und bat sie, es nicht zu tun. Ich wollte dieses Kind.

Ein Mädchen wurde der jungen Mutter und  mir in die Arme gelegt. Ein so winziges schutzbedürftiges Wesen erweckte in mir starke Vatergefühle, einen unglaublichen Beschützerinstinkt. Ich hoffte, dass dieses Gefühl auch meine Frau überwältigen müsste. Das war ein Irrtum, sie blieb gegenüber dem Kind  abweisend. Das wird sich geben, dachte ich, denn ich hatte mich informiert, dass es  Depressionen gibt, die junge Mütter nach der Geburt oft ereilen.

Marie war neun Jahre alt, als mir Ina offenbarte, dass sie die Scheidung wollte. Sie brauche ihre Freiheit, wolle ihr Leben so gestalten, wie sie es sich immer gewünscht hatte. Sie zeigte sich überaus großzügig, indem sie  mir das Reihenhaus überließ und  einfach auszog. Ich schaffte es, mein Töchterchen zu einer selbstbewussten kleinen Persönlichkeit zu erziehen. 

Marie studierte, sie wollte unbedingt Pädagogin werden, wollte mit Kindern arbeiten. Sie war siebzehn, als sie mir eines Abends ihren Freund vorstellte.

Ich glaubte meine Augen nicht zu trauen.  Sehr groß und schlank stand der dunkelhäutige Mann vor mir.  Verdattert und ungläubig nahm ich die mir entgegenstreckte Hand in die meine. Dunkle Augen sahen mich aus einem tiefschwarzem Gesicht fragend an.  Mir verschlug es die Sprache als er mich mit einem unverfälschten schwäbischen Dialekt begrüßte. Muskulöse  Arme umschlangen mich. Ein strahlendes Lächeln entblößte sein makelloses Gebiss.   

Ich erinnerte mich daran, dass ich mir einmal geschworen hatte, fast alles zu akzeptieren, was mir meine Prinzessin bot.  Aber so weit hätte ich mich nicht hinaus gewagt. Mein Gott, es gab doch wirklich genug junge weißhäutige Burschen, die so ein hübsches kluges Mädchen, wie Marie es war, als Partnerin begehrten.

Amaru, der Mann aus Nigeria,  war Maries große Liebe, und  sie heirateten kirchlich. Mein  Enkelkind wurde geboren, dunkelhäutig, mit schwarzen Löckchen. Wenn sie heute alle drei, vielleicht sind es demnächst vier, zu mir kommen, wird es für mich ein sehr unterhaltsamer Nachmittag werden.

Ich schlurfe in die Küche, um mein Frühstücksgeschirr in den Geschirrspüler zu stellen. Im

Flur schrillt das Telefon, und ich bewege mich schwerfällig in Richtung Korridor. Könnte das eventuell eine Absage meiner Tochter sein, hoffentlich nicht. Der AB springt an. Eine tiefe Frauenstimme war zu hören:

„Hallo Erwin, sorry, dass ich so lange nichts von mir hab hören lassen, bin wieder in Deutschland und möchte Marie und Dich gern sehen. Hast Du heute Zeit. Ruf zurück“

Verdammt noch mal, jahrelang hatten wir keinen Kontakt. Zur Hochzeit, zur Taufe, nie hatte ich sie erreichen können. Ich streiche über mein haarloses Haupt und  greife wie in Trance zum Hörer und wähle.  „Hallo, hier Ina Krüger.“ Ach was, sie heißt noch Krüger, komisch. Habe ich  heute Zeit für diese Frau?  Wortlos lege ich  den Hörer auf.

 

 

Karla Kühn

Berggartenstrasse 8

30952 Ronnenberg

 

 

Ich bin Steffi

 

und erlaube mir heute von meiner nicht alltäglichen Lebensgeschichte, der Umwandlung meines männlichen Körpers  zur Frau zu berichten.:

Ich fange mit meiner Kindheit an. Tante Gertrude, die ältere Schwester meiner Mutter, schenkte mir einen Baukasten. Ernst sah sie mich über ihre Brillengläser an: „Steffen, was bist du so dünn und zart“. Zur Mutter gewandt: „ Inge, geh endlich mit dem Jungen zum Friseur. Der sieht mit den langen Locken wie ein Mädchen aus.“

Mutter ging mit mir zum Friseur. Es ist mir noch sehr bewusst, dass ich mich damals unmöglich benommen habe. „Nein, bitte nicht, meine Haare bleiben dran!“ Meine Locken überlebten und meine Mutter verließ  völlig genervt und unverrichteter Dinge mit mir den Friseursalon.

Ich wurde eingeschult und meine Klassenkameraden, die um einige Zentimeter größer waren als ich, hänselten mich wegen meiner  zarten mädchenhaften Gestalt und  meines langen gelockten Haares.

Meine  Schwester Sylvia erblickte drei Jahre vor mir das Licht der Welt. In ihrem Zimmer  interessierte mich alles. Die Puppen, das Puppenhaus, ihre Kleider,  hier konnte ich meine Phantasie entfalten und spielen. Mein eigenes Zimmer mit den im Regal stehenden Flugzeugen, Autos und Baukästen interessierte mich nicht, ich wusste mit all dem Zeugs nichts anzufangen.

In der Gemeinschaft meiner Klassenkameraden fühlte ich mich fremd, nicht dazugehörig. In den Pausen zog ich mich in die entferntesten Ecken des Schulhofes zurück. Von dort beobachtete ich   das Treiben der Mädchen und Jungen.

An irgendeinem Tag kam Harkim zu mir. Er wuchtete sich in seiner stattlichen Größe vor mir auf, die Arme hatte er vor dem Körper verschränkt und den Kopf mit dem tiefschwarzen Haar hielt er hoch erhoben. „Sag mal, Alter, was treibt dich immer wieder  von uns weg. Morgen ist ein  wichtiges Spiel gegen die Partnerklasse. Ich sage es dir nur einmal: es ist wichtig und wir müssen gewinnen! Elias ist krank, er fällt aus, also spielst du mit! Ist das klar! Pass  auf, dass der Ball nicht in dein zartes Gesichtchen trifft.“ Ein dröhnendes Gelächter der um mich stehenden Klassenkameraden folgte diesen Worten. Ich sollte Elias ersetzen, Elias den von allen vergötterten, schnellen Stürmer? Nach  kurzer Überlegung warf ich meine Locken in den Nacken und sagte  trotzig: „ Jungs, ihr könnt auf mich zählen.“

Es war, wie alle erwartet hatten, ein hartes Spiel an diesem Samstag, der Gegner war stark. Noch nach der Halbzeit befand sich unsere Mannschaft auf der Verliererseite.  Ich gab alles, spielte wie besessen, nahm die unmöglichsten Bälle an und schoss und schoss. Zwei Minuten vor  dem Abpfiff, und das war selbst für mich nicht nachvollziehbar, schlenzte ich den Ball  in das Tor des Gegners. Wir siegten, und das war auch mein Sieg. Endlich fand ich Anerkennung von den Klassenkameraden.

Ich spürte immer mehr, dass ich mich zum weiblichen Aussehen, ihren Wesen hingezogen fühlte. Bin ich vielleicht ein Transvestit, ich bin anders, das war mir bewusst.

Das letzte Schuljahr war eine Qual.  Meine Zensuren verschlechterten sich derart, dass der Schulleiter meinen Eltern anriet, mich das Schuljahr wiederholen zu lassen. Nein, schrie ich meine Eltern an, da könnt ihr machen was ihr wollt, ich steige aus.

Ich begann den Unterricht zu schwänzen, ich blieb im Haus, stahl meiner Mutter Geld aus dem Portemonnaie, färbte meine langen Locken, die ich mit einem Gummiband im Nacken zusammenhielt, flammend rot, lackierte die Fingernägel mit dunklem Nagellack, schminkte mich und trank Alkohol. Meine Eltern waren entsetzt und ratlos. Ein Kumpel bot mir eine Wohngemeinschaft in seiner Bude an, aber nur, wenn ich bereit wär, an der Beschaffung verbotener Drogen mit zu helfen. Ich ging diesen Deal ein. Ich verkaufte, kiffte selbst, trank und verwahrloste. Zu den Mädchen, die den unmöglichen  Gelagen beiwohnten, hatte ich nie  intimes Verhältnis, obwohl ich mich sehr zu ihnen hingezogen fühlte. 

Schweißnass wachte ich nach einer durchkifften Nacht auf, fühlte mich heruntergekommen und verlassen. Mir wurde plötzlich bewusst, dass mein Leben nicht mehr so weiter verlaufen konnte. Ich musste etwas verändern. Ich war kein  Mann und auch keine Frau. Die sexuellen Gefühle meines jungen männlichen Körpers waren mir unangenehm, peinlich. Die nächtlichen immer wiederkehrenden Errektionen verwirrten mich, die tägliche Rasur, der männliche Haarwuchs, alles das nervte und verunsicherte mich.

Ich raffte mich auf und besuchte nach langer Zeit meine Oma. Mit den Eltern und der Schwester konnte ich nicht über meine Probleme sprechen, sie würden kein Verständnis für meine Gefühle aufbringen können.

Meine Omi nahm mich, so ungepflegt wie ich aussah, wortlos in ihre Arme. „Mein lieber Junge, endlich findest du den Weg zu mir?“ Ich konnte sie nur stumm ansehen, was glaubte diese alte Frau von mir zu wissen? „Du bist anders, als  die männlichen Wesen. Du weißt genau, wovon ich spreche. Du warst  schon immer meine kleine Prinzessin. Deine zarte Gestalt, deine Bewegungen, und deine Interessen waren andere, als die der Jungen. Hol dir provissionelle Unterstützung und Hilfe, lass dich beraten. Ich werde dich finanziell unterstützen, was will ich alte Frau noch mit meinem Geld anstellen?“

Der mir gegenüber sitzende, freundliche ältere Herr hörte sich meine Probleme,  ohne Zwischenfragen zu stellen, an. „ Mein Lieber, Sie haben mir  einen Einblick in ihr  bisheriges Leben gegeben, über ihre Neigungen, Gefühle und Veranlagungen gesprochen. Die Suchtprobleme sind das eine und ihre  angeborene körperliche Irritation sind das andere. Ich denke, dass sie aus einer Laune der unergründlichen Schöpfung  in einem männlichen Körper als Frau zur Welt gekommen sind. Ihr Genitalien, der Bartwuchs, alles zeigt einen jungen Mann. Doch sie fühlen ganz tief in ihrem Inneren, dass sie eine Frau sind, eine Frau sein wollen.

Kommen sie wieder zu mir, wenn sie eine Entscheidung für ihre Zukunft getroffen haben. Ich werde Ihnen helfen, werde  Sie den Ärzten vorstellen, die Sie auf alle notwendigen Schritte, für eine, „Umwandlung“ unterrichten werden. Diese Behandlungen sind  schmerzhaft, langwierig und für Sie voller Entbehrungen.“ Ernst sah er mich an:  „Noch etwas, sie müssen sich ab sofort von ihrem bisherigen ausschweifendem Leben verabschieden. Keine Drogen, kein Alkohol, nichts mehr. Haben wir uns verstanden?“

 

Ein Jahr später nachdem ich die empfohlenen Ärzte aufgesucht, Hormone geschluckt hatte, war ich bereit  zur OP. Oma war bei mir in der Klinik. Sie räumte den Schrank im Krankenzimmer ein und nannte mich da schon mit dem von mir selbst gewünschten Frauennahmen. „Steffi, wenn du diese Klinik verlässt,  kannst du vorerst bei mir einziehen.“

Mehrere schwierige Operationen für die körperliche Umwandlung waren nötig. Niemals hätte ich geglaubt, wie schwer das alles sein würde, aber ich hatte die Entscheidung getroffen und musste diesen steinigen und schweren Weg bis zum Ende beschreiten.

Ich zog in Omas  winziges Nähzimmer. Wie ein guter Geist erfüllte sie, ohne unnötige Worte zu verlieren, meine Wünsche. Sie legte mir kleine Aufmerksamkeiten aufs Bett,  zarte Damenunterwäsche, einen Duft, Toilettenartikel für eine junge Frau.

War ich wirklich eine Frau geworden? Ja, das war ich, denn ich trug einen BH der Größe 75 C, meine schwarzen langen Locken waren zur Bobfrisur frisiert worden, mein Gesicht war glatt, weich und ohne Bartwuchs, ich trug Kleidung der Größe 38 und bekam Komplimente von jungen Männern. Diese körperliche und seelische Umwandlung kostete meinem jungen Leben fünfunddreißig entbehrungsreiche Monate. Die täglichen Einnahmen von Hormonen und anderen Medikamenten würde noch lange fortgesetzt werden müssen. 

Zum Schluss möchte ich Ihnen noch eine  Episode, die mein neues Leben prägen sollte, schildern.

An einem milden Frühlingsabend besuchte ich allein das urige Cafè in der Altstadt. Kaum dass ich am runden Tisch im Garten Platz genommen hatte, sprach mich ein gut aussehender junger Mann an: „Darf ich mich zu Dir setzen?“ Ich nickte: „Du darfst, es ist alles noch frei.“ Er stellte sich mir vor: „ Meine Band und ich befinden sich  auf einer Tornee und ,“ er blickte mich unverhohlen an, und ich glaubte in seinen Blicken zu erkennen, dass ich ihm gefiel „ ich bin der Boss der Band. Hättest Du Interesse uns mal zu hören, wenn ja, ich habe noch eine Freikarte. Wir treten heute Abend zwanzig Uhr in der Stadthalle auf.“ Ich  nahm die Karte dankend an.

Das Konzert war eine Wucht: Jazz, Swing, Country. Er war der Frontsänger und spielte die Gitarre. Lange nach Mitternacht begleitete ich ihn engumschlungen in sein Hotel. Wir tranken noch etwas Rotwein, er wurde zärtlich und es tat mir gut, mir, Steffi, der Frau. Als ich seine Erregung spürte, wurde mir Angst,  ich bekam  Panik, sprang aus dem Bett. Ich kleidete mich hastig an. Ohne einen Blick auf den Mann im Bett zu werfen und ohne Abschied verließ ich das Hotelzimmer. Nie wieder bin ich ihm begegnet.

Heute, fast zwei Jahre nach dieser Begebenheit, lebe ich mit einem Mann und der kleinen Adoptivtochter Jesicca an der Müritz in Mecklenburg Vorpommern. Ich fühle, dass ich angekommen bin.

 

Karla Kühn,

Berggartenstrasse 8,

30952 Ronnenberg

 

 

Das Klassentreffen

 

Ich erschrak, das Telefon hatte geklingelt. Bestimmt war ich, wie schon so oft, vor dem Fernseher eingenickt. Ich erkannte sofort die Stimme am anderen Ende der Leitung: „Hallo, erklärst du dich bereit,   das Klassentreffen mit mir zu organisieren. Ich schlage Mitte Mai des nächsten Jahres für ein Wiedersehen  in unserem alten Gasthof vor. Meine Liebe, du rufst die Männer an,  ich werde die Mädels anrufen.“

Ich musste lächeln, die Mädels, ich gehörte dazu, waren mittlerweile siebzig Jahre alt geworden. Meine ehemals schwarzen Haare waren einem schlichten Grau gewichen  und im Gesicht waren Runen zu erkennen, die von einem nicht ganz sorglosen Leben erzählen könnten.

Nach dem Weihnachtsfest, vor dem Jahreswechsel steigerte sich die Zahl meiner Telefonate gewaltig. Mir war bewusst, dass fünfzig Prozent der Herren zuerst Rückfrage mit  der Angetrauten halten  mussten.  Und so war es.

Ich schildere hier nur einige Beispiele: „Ach Klara, du bist es, wunderbar, dass du an mich gedacht hast, aber du weißt doch, ihr Frauen seid  die wandelnden Terminkalender. Bitte sei nicht böse, ich muss erst mit der meinigen reden, ich rufe dich zurück.“ Irgendwann tat er es auch.

„Hallo Klara, ach so, das Klassentreffen. Bitte hab einen Moment Geduld.“ Ich hörte, wie er  nach seiner Frau rief: „Schatz, Klara ruft an wegen des Klassentreffens im Mai nächsten Jahres. Was meinst du? Sollte ich  fahren, wenn ja, dann bedenke,  ich muss im Ort eine Übernachtung finden, käme am Abend nicht nach Hause!“ Ich musste lächeln, denn ich sah förmlich vor mir, wie sie die die Stirn in Falten legte und nachdachte, ob sie das Risiko bei einer Zusage eingehen sollte, in dem der  Ehemann  eventuell seiner Jugendschwärmerei  bei solchem Treffen begegnen könnte.

Immer wieder musste ich mir anhören, dass der Angerufene schwere gesundheitliche Probleme zu bewältigen hatte, die gerade zum Zeitpunkt des Klassentreffens noch behandelt werden mussten. Es gab Termine für Kuraufenthalte, für eine längst geplante Familienzusammenkunft oder auch Urlaubsreisen, die nicht verschoben werden konnten. Ich war immer eine geduldige Zuhörerin, machte einen Haken an die Zusagen, eine  Fragezeichen bei den Unschlüssigen und einen Strich bei einer Absage. 

 

Im Gasthof „Zur Traube“ hatte mein Klassenkamerad zum vereinbarten Termin für ca. 30 ü. Siebzigjährige das Jagdzimmer reservieren lassen, an dessen holzgetäfelten Wänden die respektablen Hirschgeweihe angebracht waren. Die Fotografin im Heimatort war von dem Termin unseres Treffens in Kenntnis gesetzt worden. Es ging um den geeigneten Ort der  Aufnahmen, die Finanzierung der Fotos, die sie uns am gleichen Nachmittag in den Gasthof bringen wollte.

Es war ein Frühlingstag, wie man ihn sich nur wünschen konnte. Die Sonne strahlte warm und strahlend vom tiefblauem Himmel herab.

Wir beiden Organisatoren standen vor der Eingangstür des Gasthofes und begrüßten herzlich die ehemaligen Schulkameraden mit freundlichen, witzigen und letztendlich bewundernden Worten: „Mädel, du siehst blendend aus, hast Dich nach unserem letzten Treffen  überhaupt nicht verändert.“ oder „Grüß dich Lore, immer noch so schlank, wie machst du das nur?“ Ich musste bei diesen wohlgemeinten Komplimenten meines Schulfreundes still in mich hineinlachen.

Freudig überrascht war ich, als einige von meinen ehemaligen Schulkameraden, die telefonisch ihre  Anwesenheit nicht hundertprozentig zugesagt hatten, nun erschienen und wir sie begrüßen konnten. Mir schien, als würden sie mich trotz ihres Alters  mit immer noch jugendlichen Augen anstrahlen. Geht doch, dachte ich.

Hin und wieder gab es Erkennungsprobleme mit Klassenkameraden, die viele Jahre an unserem Treffen  nicht teilgenommen hatten.

Zum Beispiel mit diesem Graubärtigen, der vor dem Gasthof aufkreuzte und uns lachend begrüßte. Bekleidet mit einem weitem bis an die Knöchel reichenden schwarzen Lodenmantel, einem großen breit krempigen Schlapphut auf dem Kopf und die qualmende Pfeife zwischen den Fingern haltend. Meine Güte, wer war das? Wir schauten uns verlegen an. Könnte das Jürgen, der Journalist sein, der viele Jahre nicht zum Treffen gekommen war? Etwas spinnert war der schon immer. Na klar, er war es, wer den sonst hätte mit einem so spleenigen Gewand hier auftauchen können. Später offenbarte er uns, dass er jahrelang an einem schwerem Krebsleiden gelitten hatte und deshalb nicht erschienen war. Immer noch schrieb er monatlich für die  Tagespresse  der Stadt  seine Kolumne.

Unruhig lief ich  erneut zur  Eingangstür.  Die Sonne hatte ihre Kraft noch nicht verloren. Ungeduldig trat ich von einem Bein auf das andere. Er musste doch kommen. Als ich ihn vor Silvester anrief, sagte er mir mit leiser Stimme zu. Er, mein Freund im letzten Schuljahr, der im Kino den Platz neben dem seinen für mich frei hielt, mit dem ich Bücher austauschte, Radtouren unternahm und ins Schwimmbad ging. Seit vielen Jahren war er nicht zum Treffen erschienen.

In der hellen Frühlingssonne stehend glitten meine Erinnerungen zurück in die Vergangenheit. Es könnte vor dreißig Jahren gewesen sein. Ich weiß es nicht mehr. Es war wie heute   ein  so herrlicher Frühlingstag im Mai. Die  Luft   getränkt vom Duft der aufbrechenden Blüten der Kastanien, der Fliederbüsche, den Rhododendren, die den Biergarten umzäunten. 

Schüchtern fragte er mich nach einem Abend, der im Kreis der Schulkameraden und -kameradinnen angefüllt mit Gesprächen, Erinnerungen und gemeinsamen Tanzen zu Ende ging, ob er mich nach Hause bringen dürfte. Ich nickte nur. Warum nicht?

Ohne ein Wort zu sprechen liefen wir eng nebeneinander. Was sollten wir auch reden. Jeder von uns beiden hatte seine  Familie, sein eigenes Leben. Plötzlich blieb er stehen, nahm mich in die Arme und küsste mich. Ich erwiderte seinen Kuss. Wir lösten uns aus der Umarmung  und waren verlegen wie Teenager. Er brachte mich bis zur Haustür. Nach diesem Vorkommnis, es war  nur dieser Kuss, mehr war nicht passiert, begegneten wir uns  nicht mehr. 

Heute wartete ich auf ihn.  Die Ampel an der Kreuzung zeigte grün und ein Herr,  gebeugt und  schwer auf den Stock in der rechten Hand gestützt, wurde von einer Frau rücksichtsvoll über die Straße geführt. Schwerfällig bewegte er sich. Meine Herz begann heftig zu pochen, er war es. Die grauhaarige Frau begrüßte mich mit einem flüchtigen Neigen ihres Kopfes und ging sofort zurück.

Nun stand er mir gegenüber und nahm mich in die Arme. Den Stock hielt er steif in seiner rechten Hand über meinem Rücken hoch ausgestreckt. Er musste keine Angst haben, ich hielt ihn  fest umschlungen. Vertraut, als wären die Jahre spurlos an uns vorüber gegangen, benahmen wir uns und waren so alt geworden. Wir sahen uns in die Augen. Die Augen besitzen ihre eigene große Ausstrahlungskraft, viel mehr  als die Lippen  es je zu sagen vermögen.

Bei diesem Treffen saßen wir wie vor vielen Jahren im Kino, nebeneinander am Tisch im Gasthof und hielten uns an den Händen. Viele Worte haben wir nicht miteinander gewechselt. Wir verspürten einfach nur ein wohltuendes Beieinander  und ein stummes Verstehen.

Vom Treffen sei gesagt, dass von dreißig angemeldeten ehemaligen Mitklässlern  gerade einmal neunzehn erschienen waren. Ich fragte mich: Wie viele werden es in den nächsten Jahren sein, die kommen können?

Die Fotografin  nutzte den herrlichen Sonnenschein und fotografierte drauf los, als hätte sie eine Horde junger Menschen vor sich. Sie liebte ihre Arbeit und erledigte sie mit großer Begeisterung und voller Enthusiasmus.

Ich sah auf die Uhr. Es war zwanzig Uhr als mein Nachbar seinen Stock nahm, sich von den Herumsitzenden mit einem kurzen Gruß verabschiedete. Ich brachte ihn zur Eingangstür des Gasthofes. Dort erwartete ihn seine Frau. Ohne ein Wort zu sagen reichte sie ihm ihren Arm und führte in vorsichtig über die Straße. 

Kurz danach verließ ich die Gemeinschaft ebenfalls, mit dem Versprechen, dass wir uns,  zwecks einem Treffen, welches nach einer viel kürzeren Zeit wieder  geschehen sollte, melden werden.

Aus den unterschiedlichsten Gegenden der deutschen Heimat waren wir angereist. Das Alter hatte uns geprägt und letztendlich waren einige mit den beginnenden Alterserkrankungen konfrontiert. Aber an  diesem Frühlingstag waren wir eine eng verbundene, vertraute Gemeinschaft, die für wenige Stunden  Krankheiten, Probleme und  Sorgen vergessen durfte, und das hatte heute jeder auf seine Weise geschafft.

Allein in meine Gedanken  versunken  ging ich zur Pension zurück. 

 

Karla Kühn

Berggartenstraße 8

30952 Ronnenberg

 

 

 

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