Bummel über den Weihnachtsmarkt


Sie sind wieder geöffnet: Die Weihnachtsmärkte. Doch weil jede deutsche Stadt von sich behauptet, den schönsten aller Weihnachtsmärkte zu haben, ist die Entscheidung, wohin man fahren sollte, schwierig und sie wird noch schwieriger, weil die norddeutschen Städte bei ihrer Selbstdarstellung mogeln. Sie sind den bayerischen Märkten unterlegen, weil meist der stimmungsvolle Schnee fehlt. Dafür haben sie Sturm - so, wie am Wochenende - der den Bremer Weihnachtsmarktbesuchern den Glühwein aus den Bechern fegte. Sie kennen ihr Problem und behaupten nun, bescheiden geworden, nur den schönsten Weihnachtsmarkt Norddeutschlands zu haben. Damit sind sie auf der sicheren Seite und der im Gewühl Geschobene kommt gar nicht darauf, an Aufschneiderei und ähnliches zu denken. Schaut man genau die "Budenreihen" entlang, sind alle großen Weihnachtsmärkte genauso austauschbar wie die Supermärkte an den Stadträndern. Besucht man den Einen, kann man sich die Anderen ersparen, weil sich alles wiederholt. Nur das Wetter ist anders. Aber sie müssen sich voneinander abheben, koste es, was es wolle. Deshalb heißt der Dresdner Weihnachtsmarkt  "Striezel-

", der Nürnberger Markt "Christkindelmarkt" und der Bremer Markt an der Schlachte heißt "Das Lager der Vogelfreien", schrieb mir ein Bremer Freund.

Doch klingende Namen allein reichen nicht. Rekorde müssen her. Als "die Schönsten" bezeichnen sich alle. Das ist nicht steigerungsfähig. "Schönster Weihnachtsmarkt Europas" ginge zur Not, aber weil das jeder behaupten kann, würde alles schnell als Floskel entlarvt. Größe ist immer Rekordverdächtig. Etwas zum Reinbeißen auch. Zum Beispiel, "Wer hat den größten Christstollen?" Klar, Dresden. An ihn kommt keine andere Stadt dran und mit seinen über vier Metern Länge und gut vier Tonnen Gewicht ist er beeindruckend. Er schmeckt nicht nur, man kann sich an ihm sogar betrunken essen, denn 120 Liter besten Jamaica Rums wurden eigens für seinen Laib vergeudet. Solche Verschwendung macht mich regelrecht schwindlig beim Gedanken daran, wie viel Grog der Rum ergeben hätte. Grog für mein ganzes Leben!

Und wer hat den höchsten Christbaum? Dortmund! 45 Meter sind dieses Jahr zu übertreffen, will Dortmund nicht im Nichts versinken.

Rostock's 20 Meter hohe und 30 Tonnen schwere Weihnachtspyramide ist Rekord, aber an Nürnberg kommt die Stadt nicht dran. Die Nürnberger behaupten, ihr Christkindelmarkt wäre der Berühmteste, einer der Ältesten und mit zwei Millionen Besuchern der bestbesuchte Weihnachtsmarkt überhaupt.

Beeindruckend - doch diese Rekorde reizen mich nicht. Mich locken die Anderen, die Kleinen die um die Ecke liegen. Die, bei denen ich trotz eisiger Füße immer das Gefühl habe, sie wären sogar im Schneetreiben "kuschelig." Die, bei denen hinter den Ständen Menschen stehen, die ich kenne und die frierend und mit blauen Flecken im Gesicht aus purer Selbstlosigkeit Schmalzbrot, Glühwein oder Bratwürste verkaufen. Und die, bei denen die Sieger eines Schreibwettbewerbs, wie in Elze, vorgestellt oder wie in Rössing die 13 Sieger des Kalender- Fotowettbewerbs aufgerufen wurden, um ihren Kalender für 2016 als Preis entgegenzunehmen. Das sind die Märkte, bei denen ich rasten kann, ohne weiter geschoben zu werden und mich "Feuerzangenbowle" trinkend zwanglos mit den Menschen neben mir unterhalte. Es sind die kleinen Märkte, auf denen meine Frau alljährlich Mistelsträuße kauft, um sie am 1. Advent an andere Menschen mit den besten Wünschen zu verschenken.