Der Gärtner und der März

Der wirkliche Gärtner ist ein Mensch, der nicht nur Blumen züchtet, sondern jemand, der Erde zwischen den Fingern spüren will und der das Ende des Winters mehr als jeder andere Mensch mit bebendem Herzen herbei sehnt. Er kann nicht anders, als beim ersten Sonnenstrahl in der Erde herumzuwühlen und so ist es verwunderlich, dass er sich - oberflächlich betrachtet - vom Nichtgärtner kaum unterscheidet. Vermutlich gab es in der Frühzeit des Menschen weder Gärten noch Gärtner, denn sonst hätte die Evolution durch natürliche Auslese dafür gesorgt, dass der heutige Gärtner dem Garten viel angepasster wäre.

 

Ende März in Passau

Zum Beispiel hätte er Beine wie ein Käfer, um sich beim Wühlen in der nassen "Märzerde" nicht hinknien zu müssen. Beine und Füße, die unbemerkt hinten das zertreten, was vorne gepflanzt wurde, wären entbehrlich. Deshalb besäße dieses Wesen Flügel, um wie ein Kolibri über den Beeten schweben zu können. Auch brauchte er vier Hände für die nicht enden wollende Märzarbeit und eine Mütze, um das, was im März von oben kommt, zuverlässig abzuwehren. Selten die Sonne, meist den Regen, gelegentlich auch Hagel und manchmal sogar Schneeschauer, die den Märzhimmel verdüstern und Ohrenklappen für besonders frostige Tage. Doch ein Rücken wäre überflüssig. Genau genommen sogar schädlich, denn er verführt den heutigen Gärtner dazu, sich ab und zu aufzurichten, um stöhnend festzustellen: "Mir schmerzt das Rückgrat. Und das jedes Jahr mehr. Ich glaube, ich werde älter."  

Als ich noch Kind war, hatte ich ein fast feindseliges, sogar schadenfrohes Verhältnis zu Großvaters Garten, wenn die Zwetschen von Würmern befallen wurden. Im Garten war fast alles verboten. Ich durfte nicht auf die Beete treten und auch nicht unreife Zwetschen pflücken, weil man davon Bauchschmerzen bekäme - so, wie man dumm bliebe, würde man zu viel Senf essen. Ich tat beides, bekam niemals Bauchschmerzen, aber beim Senf weiß ich nicht, was wirklich geschehen wäre, wenn ich ihn nicht gegessen hätte.  

Meine Abneigung gegen den großväterlichen Garten änderte sich in meiner Jugend nicht. "Eine Blüte gehört ins Knopfloch oder man schenkt sie einem hübschen Mädchen", dachte ich. Um Gärtner verstehen zu können, muss der Mensch eine gewisse Reife, sogar ein gewisses väterliches Alter haben, dämmerte mir später. Dazu benötigt er einen eigenen Garten. Hat er den, wächst dort nicht irgendeine, sondern SEINE Rose und wenn er erkennt, dass nicht die Kirschbäume allgemein, sondern SEIN Kirschbaum blüht, hat er dieses väterliche Alter erlangt. Die Erkenntnis reift in ihm, dass er ab sofort von zehntausendjährigen Naturgesetzen abhängig ist, denen er sich zu beugen hat, und auch die Weisheit, das er daran nichts ändern wird, denn nicht einmal eine Revolution würde sein Saatgut schneller austreiben oder den Flieder schon im März blühen lassen.

Doch trotz aller Weisheit ist ein wahrer Gärtner im März unausstehlich. Es liegt am Wetter. Oder an seiner Ungeduld. Oder er ist noch nicht weise genug. Jedenfalls ist das Wetter immer anders, als es ihm der hundertjährige Kalender voraussagt. Und weil er im Garten nicht wirklich tief "buddeln" kann, vertieft er sich ersatzweise in Versandhauskataloge, die ihm auch die winzigste Blüte in den schönsten Farben vorspiegeln. Und während er seine Kataloge studiert und unendlich lange Bestelllisten schreibt, sind - ohne das er es bemerkt, oder etwas dafür getan oder gar seine Hände in der Erde vergraben hätte - seine Krokusse in schönster Pracht erblüht!