Der erste Schnee

 

 

Der erste Schneefall ist wie eine Verzauberung. Man geht in der gewohnten Welt ins Bett und wacht am nächsten Morgen in einer Anderen auf. Wenn das keine Verzauberung ist, was soll es dann sein? Die Heimlichkeit ist es und die verstohlene Ruhe, in der alles geschieht und dieser lautlose Vorgang fasziniert mich immer wieder. Federleicht schweben die Flocken herab während wir schlafen und draußen vor den Schlafzimmerfenstern nimmt die große Verwandlung ihren Lauf. Es scheint, als ob das Haus, in dem man schlief, am Morgen in eine andere Gegend versetzt worden wäre. Selbst das Innere hat sich verändert. Jeder Raum scheint nun gemütlicher und heller geworden zu sein.


Draußen, wo gestern noch grauer Himmel im Verein mit dem dunklen Braun nasser Erde und tiefdunklem Grün der Eibenhecke den Garten düster erscheinen ließ, deckt nun eine weiße, glitzernde Schneedecke alles Bedrückende zu. Die kugeligen Buchsbäume ragen wie Kohlköpfe aus dem Schnee und tragen freche, weisse Mützen. Und die Nachbarhäuser haben sich in ein Aquarell wie aus einem Kinderbilderbuch verwandelt.

Aber auch wir haben uns verwandelt und sind nicht mehr die Gleichen, die wir gestern noch waren. Eine merkwürdige Unrast oder unbestimmbare Erregung scheint sich im Haus, um uns herum und in uns selbst auszubreiten. So, als ständen wir kurz vor dem Antritt einer Reise. Und in unserer Unruhe fühlen uns zum Fenster hingezogen, um die unerwartete Veränderung zu betrachten.

Als ich am frühen Morgen des ersten Schnees aufstand, drang seltsames, diffuses Licht durch die Fenster. Die Auffahrt vor meiner Garage erschien mir als frostige Welt aus totem Weiß, das ungeliebtes, morgendliches Schneeschieben versprach. Doch als ich mich zum Frühstück setzte, sah die alles schon freundlicher aus. Die Sonne heraus kam. In ihrem Licht, dass durch das Küchenfenster strahlte und mich blendete, erschienen mir die Zimmerpflanzen in der Fensterbank so, als wären es kunstvolle Scherenschnitte. 

Ein- oder zwei Stunden später hatte sich wieder alles verändert. Der Garten war ein einziges Funkeln geworden, und die uralten Bäume im Park gegenüber reckten ihre kahlen, schwarz wirkenden Äste in den makellos blauen Himmel.

Noch etwas hatte sich geändert. Die Spur eines Tieres  schnitt durch den glitzernden Schnee und endete an der Haustür. Ich sah nach. Eine Maine-Coon Katze, elend anzusehen und groß wie ein kleiner Hund, saß heruntergekommen auf den Stufen. In ihrem zotteligen Fell sah sie aus, wie Rübezahl - doch sie kam aus dem Schnee und ich nannte sie "Schneeflocke." Sie fraß und fraß und mir schien, sie wolle gar nicht mehr aufhören damit. Dann legte sie sich - so, als wäre das selbstverständlich -  schnurrend  auf meinem Sessel zur Ruhe. Als "Schneeflocke" uns verließ, weil der Chip unter ihrer Haut den Besitzer verriet, verließ uns auch der erste Schnee.

Der zweite Schneefall - oft Mitte Januar - mit klirrender Kälte, verzaubert nur noch die Kinder. Und den dritten Schnee, den manchmal der Februar bereithält, verwünscht man schon deshalb, weil in unseren Seelen kein Platz mehr für ihn ist. In uns knospen bereits die Frühlingsgefühle und wir sehnen die Farben dieser Welt herbei. Das Weiß der Schneeglöckchen schafft es nicht, diese Farbe vorzutäuschen. Erst die gelben Blüten der Winterlinge setzen wirkliche Farbtupfer ins Braun der Gärten. Den dritten Schnee brauchen wir wirklich nicht -  und ich werde von Herzen froh sein, wenn er der Wettervorhersage ein Schnippchen schlägt - und ausbleibt!