Oh, dieser Valentinstag...

"Wir haben den Sinn des Valentinstages, diesen 14. Februar, längst vergessen", sagte ich zu meiner Frau. "Reine Geschäftemacherei. Früher war ein Valentinsgruß etwas Persönliches und kam von Herzen. Früher schrieb ein junger Mann seiner Frau einen lieben Brief oder machte für sie ein Gedicht."

Im Text geht es nicht um rote Herzen an einem Baum, sondern auf einem Nachthemd, welches in falsche Hände geraten ist...

 

"Das stimmt", antwortete sie, "aber auch schon früher war es für einen jungen Mann billiger, ein Gedicht zu schreiben, als ein fertiges Geschenk zu kaufen."

"Das meine ich nicht", sagte ich. "Ich finde, ein Valentinstag sollte persönlich, ganz individuell, begangen werden. Doch darum bemüht sich kein Mensch!"

Sie lachte. "Stimmt nicht, erinnere dich mal an damals, vor dreißig Jahren. War das nicht individuell genug?"

Ich erinnerte mich. Damals saßen meine Kinder Alexandra und Wolfgang am Küchentisch. Alexandra meinte, sie würde ihren Freundinnen gern etwas Nettes kaufen und am Valentinstag verschenken.

"Würde es nicht mehr Spaß machen, selber ein Geschenk zu basteln?" fragte ich. Alle grinsten und meine Frau meinte, das wäre nicht zeitgemäß.

Ich wurde ärgerlich. "Liegt euch denn gar nichts daran, mal selber was zu machen, anstatt alles fix und fertig zu kaufen oder vor dem Fernseher zu hocken? Ihr seid wie Roboter!"

"Aber Roboter kaufen doch gar nichts", meinte Wolfgang und wieder kicherten sie.   

Ich beschloss, sie zu motivieren. Ich kaufte einen Bausatz, aus dem man über 50 Valentinsgrüße basteln konnte. Dann zeigte ich den Kindern, wie man verschiedene Motive ausstanzt und Herzen aufklebt. Der Tisch wurde mit Klebstoff verschmiert, sie zankten sich dauernd um die Schere und als ich einen Moment verschwand, verschwanden auch sie und hockten in trauter Eintracht vor dem Fernseher.

Ihr Desinteresse hielt an und zum Schluss gab ich's mit den Kindern auf. Ich kaufte Schachteln mit fertigen Valentinsgrüßen, die die Kinder nur noch mit großen Schokoherzen aus dem Supermarkt auffüllen mussten. Die Schachteln allein waren wirkliche Schmuckstücke und eine davon reservierte ich für meine Frau. Dann packte ich alles auf den Autorücksitz.

Später fuhr ich Alexandra zu ihren Freundinnen, um die Valentinsschachteln abzugeben. Dabei kam mir eine Idee. Mein Freund Otto und seine hübsche Frau hätten sicher auch nichts gegen ein Valentinsgeschenk! Meine Tochter sprang den Gartenweg hinauf und überreichte es Ottos Frau - als kleinen Valentinsgruß.

Zuhause nahm ich die letzte Schachtel mit dem Geschenk für meine Frau vom Autorücksitz und überreichte sie ihr.

Sie war überrascht. "Ein Valentinsgeschenk?" Sie öffnete die Schachtel und guckte hinein. "Mhhh, Schokolade, das macht dick." "Was heißt hier Schokolade?" fragte ich. Sie drehte die Schachtel um. Tatsächlich, Schokoladenherzen.

Ich stöhnte auf. "Alexandra muss ihr Dein Geschenk gegeben haben. Die Schachteln lagen zusammen auf dem Rücksitz." "Wer ist überhaupt die Person "ihr", von der du jetzt sprichst?" fragte sie spitz. "Nur Ottos Frau", beschwichtigte ich sie.

"Vielleicht hat Ottos Frau gar nichts bekommen", meinte sie. "Doch, das weiß ich genau. Sie ist ja extra den Gartenweg mit Alexandra heruntergekommen und hat sich für das schöne Geschenk bedankt. Ich habe gesagt, sie solle den Inhalt genießen und beim Genießen an mich denken!

Meine Frau starrte mich an. "Waren es keine Schokoherzen?"

"Nein", sagte ich, "es war ein dünnes, durchsichtiges Nachthemd mit Herzen drauf, mit weitem Ausschnitt drin und es war für dich!"

Da klingelte das Telefon. Ich ging nicht dran. Ich ahnte, es war Otto.