Nur ein Augenblick


 

 

Manchmal begreift man nicht gleich, wie kostbar ein Augenblick sein kann.

 

Ich begriff es erst, nachdem ich die Sachen der Kinder in aller Frühe in die Enge meines alten VW Käfers gepackt hatte. Dann ging ich in das Ferienhäuschen, in dem meine Frau gerade nachsah, ob alles ausgeräumt war. "Es ist halb sieben, wir können losfahren", sagte ich zu ihr, als sie gerade das letzte noch offenstehende Fenster schloss. "Wo sind die Kinder?"

"Ich habe ihnen erlaubt, zum letzten Mal in diesem Sommer noch einen Augenblick zum Strand hinunter zu laufen."

Ich wurde ärgerlich. "Und warum sind wir dann in aller Herrgottsfrühe aufgestanden, um dem größten Verkehr auf der Rückfahrt zu entgehen? Haben die Kinder nicht zwei sorglose Wochen hinter sich, in denen sie Sandburgen gebaut und jeden Tag den Strand nach sonderbaren Steinen und Muscheln abgesucht hatten? Und jetzt brauchen sie es sich nur im Auto bequem zu machen, während ich mich durch immer dichter werdenden Verkehr quälen werden muss!"

Verständnislos schüttelte ich den Kopf. Mit wenigen Schritten war ich auf der Kuppe des sandigen Hügels vor "unserem" Haus. Da unten am Strand, hinter der kleinen Düne waren die Kinder zu sehen. Sie hatten die Schuhe ausgezogen und gingen auf Zehenspitzen ins Wasser. Jedes Mal, wenn eine Welle an ihren Beinen hochstieg, machten sie einen Sprung. Vielleicht wollten sie sehen, wie weit sie hinaus waten konnten, ohne dass ihre Hosen nass wurden. Das machte mich wütend, weil ihre trockene Kleidung tief unten in den Koffern verpackt war. Und noch während ich die Hände an den Mund legte, um sie heraufzurufen, erstarben mir die Worte auf den Lippen.

Die gerade aufgegangene Morgensonne warf einen goldenen Schimmer auf- und um die spielenden Gestalten und den nassen Strand, auf dem sich ihre Fußabdrücke bis zum Wassersaum dunkel abhoben. Dieser frühe Morgen war für die Kinder ein letzter Augenblick unbeschwerter Freude aus Sonne, Wasser und Himmel und wundervollen Ferientagen, die sie da unten aufsaugten. Und je länger ich ihnen zusah, umso zauberhafter erschien mir dieses letzte Spiel am Strand unter der höher steigenden Sonne. Plötzlich wusste ich, es war etwas Einmaliges, was sich da unten abspielte. Und ich erkannte, dieser Augenblick kindlicher Ausgelassenheit würde nie wieder kommen. Was die Zukunft bringen würde, weiß niemand. Das einzig Wirkliche war dieser Augenblick, in dem sich das Lachen der Kinder mit dem Rauschen des Meeres vermischte.

Plötzlich verstand ich nicht mehr, warum ich unbedingt um halb sieben losfahren wollte. Niemand erwartete uns zuhause und wir hatten auch keine Feuerwehrkapelle zu unserem Empfang bestellt. Plötzlich schauten sie zu mir herauf und nun winkten sie. Nur einen Augenblick zögerte ich, dann lief ich ins Haus zurück und packte meine Frau an der Hand. Rutschend und springend und lachend liefen wir über die kleine Düne zum Strand hinunter. Dann schleuderten wir die Schuhe von uns und wateten, den Mut Erwachsener vortäuschend, an den Kindern vorbei ins tiefere Wasser. Doch bevor das Wasser meine hochgekrempelten Hosenbeine erreichte, rutschte ich aus und tauchte prustend unter. Und kurz vorm Untergehen hörte ich, wie die Kinder vor Vergnügen kreischten.  

Wenn heute bei mir, Jahrzehnte später, beim Erinnern die "Ostseeerlebnisse" wieder lebendig werden, weiß ich, das auch meine Kinder diese - ihre Erinnerung - als kostbares Erlebnis in sich tragen - einen Augenblick ihres Lebens, um das ich sie beinahe betrogen hätte.